Gipfeltisch-Kunst: Die G8-‚Sitzecke‘ von Matti Braun

Ein ungewöhnliches Detail des Mitte Juni in Köln abgehaltenen G-7+1-Gipfels lag in der Tatsache, dass der Konferenztisch und das restliche Ambiente (9 Sekretärtische, die Stühle, der Teppich) für den 2. und 3. Sitzungstag im Museum Ludwig von dem Kölner Künstler Matti Braun gestaltet wurden. Matti Braun, Jahrgang 1967, hat in früheren Ausstellungen gezeigt, dass er an den Orten der Geschichte herumwühlt, wo kultureller Austausch zu eigentümlichen Ergebnissen geführt hat.

 Seine im März/April diesen Jahres in der Berliner Galerie Schipper & Krome gezeigte Ausstellung „Edo“ thematisiert z.B. den Transfer künstlerischer Avantgardestrategien, -stile und -techniken des Westens zu Beginn des 20.Jhd. nach Japan. Mit Japan hat er wahrscheinlich das Paradebeispiel kurios-hysterischer Kulturadaptionen aufgegriffen. Mit Finnland widmet sich Matti Braun in seiner neuen Arbeit zum G-8-Gipfel jedoch einem weniger ekstatischen Fall, wohl aus biographischen Gründen, denn seine Mutter stammt von dort. Dass Finnland in Hinsicht auf merkwürdige Bearbeitungen von Kulturimporten aber zumindest in der Abteilung Musik doch einiges zu bieten hat, ist wohl bekannt: Man findet von argentinischen Einwanderern übernommenen supertraurigen Tango oder elektronische Musik kühler Maschinenträume von Pan(a)sonic. Von den beachtenswerten Auswüchsen finnischen Designs, auf das sich Matti Braun bezieht, hat man aber vielleicht noch nicht so viel gehört. Spontan fällt einem gerade noch der finnisch-stämmige Amerikaner Eero Saarinen ein. Dessen Tulpenstuhl von 1956 aus weissem, glänzendem Polyester erinnert mit seiner geschwungenen, auf einem einzelnen Sockel schwebenden Sitzfläche an Brauns hyberelegante, weissglänzende Polyestermöbel und, uppsalla, welch Überraschung: Die Stühle, die Braun für die Einrichtung verwendet, stammen von Saarinens Firmenkollegen Charles und dessen Frau Ray Eames. Auch die „wirklich“ finnischen Designer der 60er Jahre wie Eero Aarnio (zu einiger Berühmtheit ist Aarnios „Kugel“-Sessel von 1966 gelangt) oder Yriö Kukkapuro, – mit deren Stil Braun bereits in seiner Ausstellung „Sonne, Farben, gute Laune“ (1996) arbeitete – wollten im Jahrzehnt der Monderkundungen den rechtwinkligen Modernismus gegen geschwungenen Futurismus eintauschen und hoffnungsvoll an eine friedliche Nutzung der Technik glauben. Schon damals sah man diese Möbel offtmals als Ausstattung in Science Fiction-Filmen wie z.B. Olivier Mourgues Inventar für 2001-A Space Odyssee. Es gab allerdings mehr als nur eine ästhetische Annäherung an die Raumfahrt: Designer arbeiteten oftmals mit in der Raumfahrt verwendeten Materialien und Techniken (vgl. Joe Colombo). Mit dem runden Tisch, den zugehörigen 9 Sekretärtischen und dem eleganten, silber-grauen Teppichboden greift Braun eine retrofuturistische Entwicklung auf, deren Technikbegeisterung und Fortschrittsgläubigkeit allerdings längst verschüttet sind. Solche Standpunkte scheinen im Zusammenhang mit einem Gipfel der 8 wirtschaftlich und politisch einflussreichsten Staaten, die weitgehend ignorant gegenüber drängenden Problemen sind, eher unangebracht. Doch formuliert die helle Raumgestaltung auf eine unbestimmte aber doch beschwörende Art einen Appell an das „Gute“. Als Zentrum der konsequent alle Hierarchisierungsversuche unterbindenden Gestaltung (dummerweise sind allerdings die Stühle höhenverstellbar…) dient dabei ein beruhigender, pastell-grüner Punkt, der die Mitte des Tisches ziert. Diese freundliche Naivität wird jedoch zugleich von subtiler Ironie korrumpiert. Ob sie die Staatsmänner irrietiert, wenn sie sich plötzlich einer SF-mässigen Szenerie ausgeliefert sehen, in der sie sich nun als Protagonisten (Cpt. Kirk ?; Mr. Spock?) bewegen müssen, war nicht herauszukriegen. Allerdings bleibt zu befürchten, dass die holden Herren sich eher stilgerecht und angemessen durch das ungewöhnliche Zukunfts-Interieur repräsentiert fühlten.
Christian Meyer

Zuerst erschienen in De:Bug 26