The Society of Foreign Affairs

Wenn Deutsche Vereine gründen, dürfen sogar Chinesen demokratisch abstimmen.

Zwei Kölner Künstler produzierten in Peking das, was man hierzulande laut Klischee am besten kann: Sie gründeten einen Verein – die Society of foreign affairs. Nach ihrer Gründungsveranstaltung mit telechinesischem Sojaexperiment breitet man sich nun auch bald im Netz aus.

Durch deutsche Vereinsmeierei Demokratie nach Peking mogeln:
In China gestaltet sich öffentliche künstlerische Praxis ungleich schwieriger als hierzulande. Sämtliche Kunstausstellungen und -aktionen müssen beim `Bezirksamt` angemeldet werden. Damit legen die Veranstalter Rechenschaft darüber ab, was gezeigt werden soll. Der Bezirk entscheidet dann, ob die jeweilige Ausstellung genehmigt wird oder nicht, wobei erschwerend hinzukommt, dass eine Genehmigung oft erst in letzter Sekunde erteilt wird. Sie kann aber auch wieder rückgängig gemacht werden. Die Künstler Bettina Buck und Roland Kerstein bekamen diese bürokratischen Besonderheiten Chinas zu spüren, als sie im Mai/Juni 1999 an einem kulturellen Austauschprojekt zwischen den Partnerstädten Köln und Peking teilnahmen. Die Idee des Austauschs bestand darin, ohne größere Vorbereitungen nach Peking zu fahren, um vor Ort ein Projekt zu erarbeiten. Man verbrachte also 4 Wochen in Peking und entwickelte währenddessen die Idee, die Society of Foreign Affairs (sofa99) im Rahmen einer Veranstaltung im Goethe-Institut Peking zu gründen. Mit sofa99 sollte ein zunächst auf die Achse China-Deutschland beschränktes Netzwerk zwischen Künstlern aufgebaut werden. Auf der Gründungsveranstaltung verabschiedeten die chinesischen Besucher in demokratischer Abstimmung die genaue Zielsetzung von sofa99. Demnach soll sich sofa99 „Fragen der künstlerischen Immunität und künstlerischen Freiheit widmen, den Begriff der staatenlosen Kunst klären (…) und ein großes Netz von Service-Leistungen betreiben…“ (Aus dem Sitzungsprotokoll). Die Gründungsveranstaltung im Goethe-Institut wurde als Performance-Veranstaltung nicht genehmigt (Performances sind besonders ungern gesehen, weil nicht genau abzuschätzen ist, was sich ereignen wird), sondern nur als geschlossene Diskussionsveranstaltung mit maximal 30 Teilnehmern. Es kam dann aber – trotz bürokratischer Hürden – doch ganz anders.
Roland Kerstein: Bis kurz vorher war das noch so geplant: Man sollte sich zusammen an einen Tisch setzen und miteinander reden – über kulturellen Austausch, über Cross-Culture usw. Es kamen im Endeffekt an dem Abend dann überraschend 150 Leute, die auch alle eingelassen wurden. Da saß zwar auch jemand von der Bezirksverwaltung, der nahm das aber gelassen hin.
Bettina Buck: Die Mobilisierung des Publikums lief über Mundpropaganda. Die Künstler sind in China sehr gut miteinander vernetzt. Man erhält kurz vorher einen Anruf, trifft sich dann an einem Ort und fährt in einer Kolonne zu einem weiteren Ort, der vorher noch nicht bekannt ist. So haben auch wir diverse Ausstellungen und Aktionen erlebt.
DeBug: Wie hat sich das Projekt vor Ort entwickelt?
RK: Ursprünglich dachten wir, dass wir einen Erfahrungsbericht produzieren, aber das hat sich sehr schnell zerschlagen. Wir haben dann überlegt, was wir deutsch-typisches machen können. Etwas, was Deutsche richtig können, ist Vereine gründen, Organisationen aufbauen, Parteien gründen – also praktizierte Demokratie darstellen.
DeBug: Bei eurem Abend im Goethe-Institut habt ihr mit der Gründungsveranstaltung von sofa99 demokratische Prinzipien bis ins Absurde durchexerziert. Wie hat das Publikum darauf reagiert?
BB: Mich hat überrascht, dass viele nachher ankamen und sehr ernst und interessiert darauf reagiert haben. Auch sehr emotional, eine Frau war den Tränen nahe…
RK: Vor allem die Reaktionen und `Redebeiträge` zur Frage der beabsichtigten Parteigründung haben uns überrascht. Uns hatte so etwas wie der Parteitag der Grünen/Bündnis90 zum Kosovo inspiriert, der kurz vor unserer Abreise nach China stattfand, – da wurden Tagesordnungspunkte vorgeschlagen, darüber abgestimmt, die Länge der Debatten festgelegt, dann darüber abgestimmt und noch mal das Gesamtpaket abgestimmt. Es hat sich endlos hingezogen, und es gab die abstrusesten Situationen und Beiträge. Es ging darum, das im kleinen Rahmen durchzuspielen: Wir hatten eine Stunde und sind exakt in unserer Zeit geblieben – ganz typisch deutsch. Wir mussten zwar erstmal die Stimmung erzeugen, damit das ernst genommen werden konnte, aber das ist sehr schnell passiert, weil wir die Sache ganz straight durchgezogen haben.
DeBug: Es gibt aber auch eindeutig humoristische Aspekte, wie z.B. die Abstimmung über eine Klassifizierung der am häufigsten verwendeten Lebensmittel, weil sofa99 eine weltweite Verbreitung anstrebt.
BB: Den Humor haben sie schon mitbekommen, und es gab Gelächter. RK: Bei Gründungsveranstaltungen wird ja normalerweise jede Kleinigkeit abgestimmt, bis hin zur Farbe des Stempelkissens. Wirklich wichtig waren uns eigentlich nur zwei Punkte: Der interkulturelle Austausch und die Unterstützung von Projekten im überregionalen Rahmen.
DeBug: Das Erstellen eines Netzwerkes ist also der ernste Kern?
RK: Genau, den Rest wollten wir als Beiwerk dazu nehmen. Das Publikum, die `Delegierten`, hat aber auch sehr gut mitgemacht.
BB: Es ist ja eher selten, dass sich Chinesen öffentlich äußern. Wir haben festgestellt, dass in größeren öffentlichen Diskussionen normalerweise nicht viel gesagt wird, und es hat uns angenehm überrascht, dass so viele aktiv mitgemacht haben. Für unsere Verhältnisse vielleicht wenige (bei 120 ausgeteilten Stimmkarten haben ca. 30 Leute abgestimmt/Anm. d. Autors), aber für so eine Veranstaltung war das schon viel, denn der Bezirksvertreter hat natürlich alles mitgeschrieben und beobachtet.
RK: Später hat uns der Leiter des Goethe-Instituts erzählt, dass es ihm, als es um die Entscheidung Parteien- oder Gesellschaftsgründung ging, richtig heiß wurde. Da hätte der Bezirksvertreter die Veranstaltung auch jederzeit abbrechen können. Das hat er in dem Fall nicht getan, weil es eine Kunstveranstaltung war…
DeBug: Da war der Humor und die künstlerisch-zeremonielle Umrahmung auch ein Puffer für die Brisanz des Themas?
RK: Vielleicht auch das, aber das war ja schließlich die Gründungsveranstaltung einer Organisation, und wir wollten ihr auch den angemessenen Rahmen geben. Das fängt mit der Tischdecke an…
BB: …und endet mit dem `sofa-Hund`, einem deutschen Schäferhund aus Porzellan. Die Chinesen lieben deutsche Schäferhunde. Leider ist er in der Zwischenzeit kaputtgegangen. Mit der baldigen Präsenz im Internet soll nun ein internationales Forum und Netzwerk für Künstler aufgebaut werden. Symbolisch vorweggenommen hat man die Ausbreitung dieses Forums bereits auf der Gründungsveranstaltung. Sie wurde durch ein telechinesisches Sojaexperiment begleitet, bei dem sich Sojasauce während der einstündigen Veranstaltung auf einer Tischdecke langsam ausbreitete. Damit nahm man die geplante Ausbreitung der Partei im Internet symbolisch vorweg.
Christian Meyer

Zuerst erschienen in De:Bug 34