VJ $ehvermögen

Bilder regeln das $ehvermögen

$ehvermögen rockt die Drum ‚n’ Bass-Crowd mit massiver Message

Text: Christian Meyer

Unterschiedliche Bilder wirken sich unterschiedlich auf die individuelle Entwicklung der visuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aus. Das kann man sich wunderbar zunutzen machen, denn wenn bestimmte Bilder bestimmte Lebensaspekte dominieren, dann dominieren neben der spezifischen Ästhetik auch deren Aussagen, klar! Nur leider sitzen meist die falschen Leute an den richtigen Stellen, so dass der Bilder-Mainstream in der Regel von öden bis bösen Menschen bestimmt wird. In der Popkultur hingegen kann das schon mal besser laufen: für die Schnittmenge Westdeutschland und Drum ‚n’ Bass-Party gibt es z.B. auch solche dominierenden Bilder. Das stellt man schnell fest, wenn man sich in Köln und Umgebung, aber auch in Koblenz oder Stuttgart auf Drum ’n’ Bass-Parties herumtreibt:man sieht dort meistens Visuals von $ehvermögen – doch die sind weder öde noch böse!

Eingreifen
1998 sahen sich Marcel Panne und sein damaliger Partner Ralph Hübner durch allerorts anzutreffende schlechte Partie-Visuals dazu genötigt, aktiv in das Geschehen einzugreifen. Mit wenig Equipment (Scanner und Photoshop), etwas Fachwissen und viel Idealismus legten sie in Heimarbeit los. Zuerst waren sie unter dem Namen Mindwalk (Ende 98-Mitte’99), dann als Bildregler (bis Anfang 2000) vor allem für die Partie-Reihen Voltage Life Support (später Phonogenic) und Basswerk-Sessions zuständig (für Basswerk macht Marcel inzwischen sämtliche Visuals vom Flyer über Plattencover bis zum Video zur neuen Compilation). Seit März 2000 arbeitet Marcel Panne nun als $ehvermögen alleine weiter, Ralph Hübner hat sich aus dem Metier zurückgezogen. In diesen ersten beiden Jahren nahm die Kompetenz schnell zu, der eigene Stil festigte sich und die Angebote häuften sich ohne großes zutun. So gab es z.B. mit Basswerk zusammen eine 2Step Ausgabe auf Viva2 und im Januar 2000 war eine Videoinstallation auf der Cebit von Bildregler zu sehen. Doch obwohl inzwischen alleine arbeitend, hat sich der Aufwand der Visuals gehalten. Längst arbeitet Marcel mit Digi-Cam. Die fotografischen Vorlagen – graue urbane Orte, Menschenmassen und –portraits, diverse (Fund-)Objekte – stammen nach wie vor fast komplett von ihm selbst (schließlich findet sich eine – allerdings abgebrochene – Fotografie-Ausbildung in seinem Lebenslauf) – Strukturen und andere Animationen tauchen nur als Hinter- oder Vordergrund auf. Die immer im Live-Mix präsentierten
Visuals – einfach Videokassette einlegen is’ bei ihm nich’ – sind mitunter auf bis zu 6 Projektionsflächen, die schon mal eine Größe von 12×20 Metern aufweisen (wie bei der Popkomm-Veranstaltung Kickzone), zu sehen. Mit mindestens 3 verschiedenen S-VHS-Kassetten und einer Live-Fingerkamera wird über das Mischpult der Mix absolviert.

Visuelle Geistesblitze…
Bei derlei technischen Eskapaden kommt Marcel die gelegentliche Arbeit als Licht- und Tontechniker für Theaterproduktionen zugute, um nicht den Überblick zu verlieren. Schließlich muss das Ganze ja nicht nur technisch korrekt über die Bühne gebracht werden, sondern soll auch noch eine Kommunikation mit der Musik eingehen – und, neuester Anspruch: mit aussagekräftigen Bildern einige Geistesblitze beim tanzenden Publikum inspirieren.
Aber ist das zwischen Amen-Break und Rewind überhaupt möglich?
Ist es, wie die zahlreiche Publikumsresonanz beweist. Denn wie bei Musik gibt es bei den Videos natürlich genauso Möglichkeiten, Spannungsbögen zu ziehen, z.B. durch den Wechsel von den Betrachter überfordernden Bilderströmen zu einer deutlichen Drosselung des Tempos, die den Blick verstärkt auf einzelne Elemente leitet.
Zusätzlich gibt es in den Videos prägnante Textelemente („Be friendly“, „Never mind, we could blow up reality“), die teilweise erst über längere Bilderstrecken hinweg vom Betrachter zu Sätzen zusammengesetzt werden müssen. Die Texte, oft eben nicht nur kurze Schlagworte, speisen sich z.B. aus Literatur und Buddhismus (Marcels grosses Thema)… und werden gelesen! Wenn man das auf einer Partie erreicht hat und sich soviel Aufmerksamkeit des Betrachters erst einmal sicher sein kann, ist es auch möglich, jenseits der reinen Dekoration visuelle Nachrichten auszusenden: mit Bildern aus Asylbewerberheimen, von Hochhaussiedlungen oder Kriegsmotiven (so geschehen zur Zeit des Golfkriegs). Hört sich arg nach erhobenem Zeigefinger an, sieht aber deutlich attraktiver aus.
Position beziehen und Pop produzieren haben sich schließlich noch nie ausgeschlossen.

…mit 180 Bpm (Bilder pro Minute!)
Das alles summiert sich zu einer starken Reizüberflutung, die durch die hohe Bildabfolge, die häufig noch über den Bpm-Zahlen der Musik liegt, und durch visuelle Feedbacks zusätzlich gesteigert wird. Reizüberflutung ist auch das intendierte Hauptthema der Videos. Daher sind die Videos auch fast ausschließlich auf Drum ’n’ Bass-Parties zu sehen, und z.B. nicht auf Minimaltechno-Parties.
Trotz all dem sind die Arbeiten von einer Klarheit bestimmt, die visuelles ‚Erzählen’ im weitesten Sinn mit einem neu formulierten Realismus ermöglicht und konkrete Interpretationen zulässt. Das wäre bei flächigen Animationsorgien kaum möglich. Mit den eingesetzten Tricks – Spannungsbögen, Schriftinserts, Wechsel von Gimmicks in Motiv und Schnitt (tanzende Hochhäuser) zu ernsteren Themen – schaffen es die Videos von $ehvermögen, in einer Partysituation zu bestehen und stellenweise sogar der Musik den Rang abzulaufen – wenn man zahlreich Leute sieht, die statt zu Tanzen mithilfe ihres durch etliche Parties geschultem Sehvermögens ‚fern gucken’.

Zuerst erschienen in De:Bug 03/01