Mathias Schaffhäuser / Ware Records

Eine Ware Geschichte

Das Kölner Technohouse Label Ware ist inzwischen bei der Katalognummer 20 angelangt, und immer noch ist es Labelgründer Mathias Schaffhäuser, der Ware im Alleingang führt.
Doch seit kurzem deutet einiges auf große Veränderungen und sogar Ambitionen Richtung Charts hin. Im Oktober 2000 ist Ware beim EFA-Vertrieb untergekommen, und – Zufall oder nicht – seitdem scheint die Produktivität gestiegen und eine Annäherung an den Mainstream stattzufinden. Sogleich sind auch verhaltene Bedenken zu hören, doch man sollte hier genauer hinhören und hinsehen. Dass die Veränderungen eher oberflächlicher Art sind, und sich eigentlich gar nicht so viel geändert hat, ist im medialen Tumult leider etwas untergegangen. De:Bug traf sich mit Mathias Schaffhäuser, um im Dialog das mediale Zerrbild ein wenig geradezubiegen.

De.Bug: Nach der Ware 15 von Caulfield scheint es einen Einschnitt zu geben. Seitdem drängt es Ware an die Oberfläche: mit Vollcover, Sticker auf dem Cover, Radio-Edit, kurz hintereinander Alben von Decomposed Subsonic (Blaue Löwen) und Dir (Love & Business). Bis dahin wurde bei Ware, von kleinen Ausflügen abgesehen, relativ stringent an abstraktem Minimal-Techno u. -House gearbeitet.

Mathias Schaffhäuser: Wie so oft ist das Zufall. Es war nicht groß geplant, dass die 16 (Laub & Schaffhäuser), eine ganz normale Maxi eigentlich, ein Vollcover bekommt. Die 19 und 21 werden auch wieder ganz normal sein, im schwarzen Lochcover. Damit will ich auch klar machen: es hat sich nichts geändert, es ist nur etwas dazugekommen.

De:Bug: Aber so einen Radio-Mix wie auf der Ware 18 mit den ‚Blaue Löwen’-Remixen von Decomposed Subsonic macht man natürlich nicht zufällig…

MS: Klar. Der wurde eigentlich von der Promotionagentur angestoßen, die das so gut fanden, dass sie damit Radiopromotion machen wollten. Dafür braucht man einen adäquaten Mix, damit die Leute bei dem langen Intro beispielsweise nicht gleich abschalten, weil sie denken, da ist eine Störung im Sender. Radio hat ganz eigene Gesetze. Und der Mix ist ja nicht mainstreamiger, sondern einfach kompakter. Dazu wird es noch ein Video geben. Was damit sonst noch passiert, ist noch nicht klar. Es ist auf jeden Fall nach wenigen Wochen bereits die best verkaufte Maxi auf Ware.

De:Bug: Bezeichnend ist schon, das auch Dein Album mit dem Icehouse-Cover ‚Hey little girl’ massiv popig anfängt. Dann folgt allerdings doch wieder das, was man von Dir kennt. Ein interessanter Schachzug!

MS: Man hat da die fertigen Stücke und schiebt sie hin und her, und probiert verschiedene Reihenfolgen aus. Ich habe aber dann schnell gemerkt, dass das Unsinn ist, das Stück woanders hinzustellen als an den Anfang. Das wirkt immer wie versteckt, als würde man dann doch nicht dazu stehen! Auch dramaturgisch macht es woanders keinen Sinn. Wenn es mittendrin ist, ist das ein zu großer Break, und es ans Ende zu stellen wäre zu schade. Bei einer LP achte ich ja darauf, das man das in einem guten Flow hören kann. Wenn man wirklich nicht auf das Stück steht, dann beginnt man einfach mit Stück 2 und alles ist gut. ‚Take me to your heart’, die andere Coverversion, fällt da nicht so raus, das ist trackiger.

De:Bug: Aber Dir ist bewusst, dass das auf bestimmt Leute sehr provokant wirkt?

MS: Natürlich, das Stück ist absolut polarisierend.

De:Bug: Genau wie die Covergestaltung der Alben!

MS: Ja, wobei das für mich keine 80er-Ästhetik ist, wie oft gesagt wurde. Ich denke da eher an die 70er, z.B. E.L.O. Im Kopf hatte ich: schwarze Fläche, goldenes Herz – komplett plakativ. Meine Grafikerin meinte dann: Wenn Du schon Herz-Schmerz-Kitsch machst, dann aber richtig. Das ist auch schön als Gegenpol zur inzwischen abgenutzten Minimalästhetik im optischen Bereich.

De:Bug: Also stattdessen uncoole Herz-Kettchen und Quietscheentchen (auf dem Cover der Decomposed Subsonic-CD).

MS: Für mich hat das auch was romantisches. Ich finde meine Musik ja auch zärtlich. Dass das immer nah am Kitsch liegt, ist halt so.

De:Bug: Wie ich schon in Bezug auf Dein Album sagte, gibt es ja hinter den vordergründigen Pop-Aspekten weiterhin und vor allem das, was man bisher von Ware kannte. Als ich eben noch mal das Decomposed Subsonic-Album gehört habe, ist mir wieder aufgefallen, wie experimentell es ist. Da kann er mir noch so oft sagen, dass er jetzt Popmusik machen würde.

MS: Ja, total. Die Platte ist meiner Meinung nach von vielen sehr falsch rezipiert worden. Auf der Platte sind 3 Stücke, die was offensichtliches haben. Der ganze Rest ist schräger Krempel – der natürlich trotzdem gut abgeht.

De:Bug: Ist es Programm, das es bei Ware immer diese sehr klaren Sounds gibt, immer sehr viel Luft zwischen den einzelnen Elementen ist…

MS: Das totale Programm gibt es bei mir ja nicht. Worauf es mir ankommt ist Abstraktion: dass es nicht allzu ableitbar ist, klanglich etc. Natürlich gibt es auch immer wieder Sachen, die ganz eindeutig ableitbar sind. Ich setze mich ja auch davon ab, zu behaupten, wir würden extrem experimentieren und Klangforschung betreiben. Das sollte man nicht so schnell in den Mund nehmen, denn Technohouse ist wirklich nicht mehr der letzte Schrei. Alles was da passiert sind nur noch Kleinstverschiebungen. Irrsinnig weit vorne ist die ganze Szene nicht mehr. Neben Abstraktion ist eine eigene Handschrift und Zeitrelevanz für das Label noch wichtig. Die Musik darf nicht konkret ableitbar sein von Vergangenheit. Mir ist es wichtig, dass ich höre: aha, 2001, dass ist Ausdruck eines heutigen Lebensgefühls! Wenn ich Demos aussortiere, komme ich dann natürlich oft auf Sachen zurück, die dem verwandt sind, was ich selber mache.

De:Bug: Die Verortung in der Gegenwart unterwanderst Du natürlich mit einem Icehouse-Cover.

MS: Klar, aber das ist ja auch kein festgeschriebenes Manifest, nach dem gehandelt wird. Das sind einfach die Dinge, die mir am wichtigsten sind. Und trotzdem macht man mal ein Stück, das toolhaft, also überhaupt nicht individuell ist, oder irgendeinen Retro-Aspekt hat. Wobei mir folgendes wichtig ist – das wird etwas verzerrt durch die ganze 80er Diskussion: es handelt sich bei den beiden Coverversionen auf Love & Business um Stücke aus den 80ern – die klingen aber nach Ware, nach dem, was ich in den letzten 2, 3 Jahren gemacht habe. Ich ärger mich fast etwas darüber, dass diese Diskussion auf mich übergegriffen hat, weil ich mich eigentlich nicht mit 80er-Retromusik in Verbindung bringe.

De.Bug: Es kommen schon immer wieder Verweise auf die Musikgeschichte vor, aber genauso auf die der 70er Jahre: King Crimson bei der Mellotronic-EP, Beatles bei Good Night vom neuen Album (eine remasterte Version des Math-U-hates Jazz-Tracks von der White-EP auf Frisbee).

MS: Es liegt eben in der Natur der Sache, wenn man mit Samples arbeitet, dass diese Arbeitsweise und damit auch die Musik auf etwas Bezug nimmt. Je nachdem wie erkennbar das Sample ist, kann man diesen Prozess eklektizistisch nennen oder nicht. Wenn ich ein Stück mit Streichquartett vertone, wird immer ein Bezug zu ernster Musik da sein, wenn ich ein Stück arrangiere mit einer bratzigen E-Gitarre, wird immer ein Bezug da sein zu irgendeinem Rock-Stil. Deshalb fand ich das etwas unglücklich, dass ich – auch selbstverschuldet – in diesen Diskurs geraten bin. Hätte ich ein anderes Cover genommen und die beiden Vocalstücke weggelassen, wäre die ganze Diskussion über dieses Album komplett anders, obwohl 8/10 der Platte gleich wären. Ich habe z.B. nirgendwo gelesen, dass da 3 langsame Stücke drauf sind, obwohl das in dem Kontext eher ungewöhnlich ist. Es ist genau dasselbe wie bei Hartmut (Wessling aka Decomposed Subsonic/ Anm. CM). Er macht ein Stück, das dieses popige Potenzial hat, und schon konzentriert sich die ganze Rezeption darauf. Auch bei ihm war von 80ern die Rede, und das ist bei ihm ja noch krasser daneben. Das hat ja gar nichts mit 80er-Sounds zu tun. Sowas von modern wie der klingt – da gibt es ja wirklich nur eine Hand voll Leute. Für meinen Geschmack ist Hartmut Weltspitze was Sound anbetrifft. Wenn Matthew Herbert ihn auf Platz zwei seiner Charts setzt, ist das schon ein Ding.

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen –
die Ware-Zukunft mit Schaffhäuser-Kommentar:
Ware 19: Iven Schmidt – Dance Machine („profaner Minimaltechno, keine Popmusik(!), aber mit Clubhitcharakter“)
Ware 20: Mathias Schaffhäuser – Love & Business (CD u. 2x LP; bereits erschienen!)
Ware 21: Markus Güntner – / („Minimalhouse, geht in Richtung Luomo, mit einer 10minütigen spaceigen Hymne, sehr atmosphärisch“)
Warenkorb 3 (die dritte Labelcompilation als CD und Doppelvinyl)
Tourismo 6-Track Vinyl bzw. CD inkl. Ware6 („ein Projekt mit vorwiegend gebrochenen Beats, ästhetisch aber ähnlich wie meine anderen Sachen“)