Oliver Husain & Michel Klökorn: Musikclips ffür Sensorama

Dokpop: Mit Sensorama-Videos den Alltag zum tanzen bringen

Oliver Husains und Michel Klökorns Arbeit als Videoclipregisseure ist wahrscheinlich den meisten durch ihr ausgezeichnetes Video zu ‚Star Escalator’ von Sensorama bekannt. Zuvor hatten sie bereits deren Track ‚Echtzeit’ verfilmt. Dass sie jetzt auch wieder ‚Where the white rabbits sleep’, die erste Singleauskopplung aus Sensoramas neuem Album ‚Projektor’, mit aufblasbaren Werbeobjekten verfilmen (bzw. Michel Klökorn diesmal zusammen mit Anna Berger) und auch die nächste Auskopplung bebildern werden, macht sie definitiv zu den Hofregisseuren der Frankfurter Musikproduzenten. Welche Parallelen man zwischen den einzelnen Clips ziehen kann, und was beim neuen Video doch anders war, verrieten sie im Interview mit De:Bug.

Die Videos, die Michel Klöfkorn und Oliver Husain für Sensorama gedreht haben, haben einen Stil, soviel steht fest! Eine erste, vage Parallele der drei Videos, die das Duo für Sensorama gedreht hat, zeigt sich bereits auf thematischer Ebene: in allen drei Filmen werden Gegenstände spielerisch zum Leben erweckt, erhalten ein ‚Eigenleben’, treten aus den geregelten Abläufen heraus und werden unkontrolliert, kurz: befreien sich aus ihren drögen Sachzwängen! Eine sehr sympathische Idee, die man wohl auch als (Post-)Hippiemäßig beschreiben, und somit in den 70er Jahren verorten kann: ‚Echtzeit’ erinnert an deutsche, sozialkritische bzw. sozialutopische Autorenfilme, ‚Where the rabbit sleeps’ vieleicht an Hark Bohm-Romantik, aber auch an die ‚Sendung mit der Maus’. Die Bezüge dürften zeitlich in die Kindheit und Jugend der beiden Produzenten fallen…

De:Bug: Entspricht das Eurem sozialen Background? Könnt ihr mit solchen Vergleichen etwas anfangen, oder ist das für Euch abwegig, bzw. ist Eure Annäherung eine ganz andere?

Oliver: Das Dokumentarische stand im Vordergrund: Räume und Situationen so nehmen, wie sie gerade sind. Wohngebiete, Autobahnzubringer, Bürostadt, Parkplatz: Das sind unsere Sensorama-Orte, also Räume, die man mehr mit Vorstellungen vom Alltag verbindet, als mit elektronischer Musik. Das sind sicher Orte mit einer eigenen Peripherie-Romantik. Auch die Gegenstände, die wir bisher gewählt haben, bewegen sich so wie immer: das Fördersystem bewegt Kleiderbügel, die Tore klappen, die Promotion-Produkte werden aufgeblasen. Das machen sie ja auch sonst. Wir haben sie nur woanders aufgebaut und auf die Musik geschnitten. Das ist ein Verfahren aus dem Musical. Den „grauen“ Alltag zum Tanzen animieren.

Michel: Wir empfanden es als befreiend, keine Musiker inszenieren zu müssen, denn Musiker glänzen eher selten mit darstellerischem Talent im bewegten Bild…das ist bei Roman und Jörn natürlich anders: wir haben die beiden an Bügelmaschinen gestellt, da wir dachten, wer Platten auflegt, der kann auch bügeln! Im Fall Sensorama war es uns lieber, es zappeln die Dinge als die Musiker, und wir waren sicher, dass die Musik die leeren Industrie- und Büroräume füllen kann.
Die Abwesenheit des Menschen schafft Raum und Zeit für die Augen… In
Wirklichkeit ist die Welt der Reinigungen natürlich viel trister, wenn nicht krank. Ein Autorenfilmer hätte sich den in giftigem Dampf arbeitenden Frauen angenommen und es wäre ziemlich daneben, deren Leben zu ästhetisieren. Wir haben uns für die Kleider interessiert, wie sie durch die Fabrik geschliffen werden und in den Stadtraum ziehen und dabei entdeckt, dass sie lebendig werden.

De:Bug: Ich finde, dass man diesen 70er Jahre Bezug auch noch ästhetisch herstellen kann: Eure Videos wirken nicht ‚modern’ im Sinne vieler Videoclips der Gegenwart: es gibt keine grellen Farben: so sieht das Filmmaterial bei ‚Echtzeit’ in Farbqualität und Körnung nach älterem Filmmaterial aus, ähnlich wie bei alten Familienvideos…

Oliver: …das haben wir aus Kostengründen auf geschenktem Filmmaterial gedreht, das etwas überlagert war. Daher das schwammige Aussehen. Es sollte nicht an Super8 erinnern…

De:Bug: …aber auch keine hektischen Schnitte, ungewöhnliche Kamerafahrten oder Perspektiven, keine digitalen Effekte… oder doch?

O: Doch, für die drei Videos haben wir immer gerne viele digitale Geschwindigkeits-Effekte benutzt.

De:Bug: Der Sternenregen und die Autoscheinwerfer im neuen Video wirken jedenfalls süß antiquiert. Vor allem ‚Echtzeit’ und ‚Where the rabbit sleeps’ strahlen sehr viel Ruhe aus, was ja auch der Musik entspricht. Eine sehr bewusste Entscheidung, bei der man fürchten muss, im täglichen Spiel auf den Musikkanälen unterzugehen. Wie würdet ihr Euren ästhetischen Ansatz umschreiben?

M: Für das tägliche Spiel der Musiksender haben wir uns nur bedingt
Interessiert. Die Länge von Sensorama-Liedern – bis zu 6min – hatte diesen Rahmen bereits gesprengt. Die Rauheit von Echtzeit ist bei where the rabbit sleeps verschwunden. Mein Ansatz …hmm… Fernsehen ist doof…ich wollte das nie
ändern. Wir haben das getan, für Musik die wir lieben und gegen gesellschaftliche Verhältnisse, die wir missachten. Die Garagen sind auch ein Bild für Lovelynazigermany: Autos und Tod sind Deutschlands beste Exportschlager.

O: Das in Kauf nehmen von Materialfehlern und Zufällen durch die Drehorte und die Aufbauten und die daraus entstehende Ästhetik fanden wir in der Musik wieder. „Echtzeit“ besteht ja auch aus schepprigen Sounds, die sich langsam aneinander vorbei schieben. Deswegen hätte ein zu der Zeit typisches, abstraktes, computeranimiertes Ambient-Video unsrer Meinung nach nicht gepasst. Wir fanden, die Bilder zu elektronischer Musik sollten, so wie sie, auch vom Leben handeln und nicht nur vom Computer. Untergegangen sind wir mit der Entscheidung zum ruhigen und krisseligen Video nicht. Im Gegenteil, es öffnete uns Tür und Tor in Saus und Braus!

De:Bug: Star Escalator fällt mit seinem Gimmik-Effekt da schon eher auf.
Eine Ähnlichkeit zu Experimentalfilmen der 60/70er, insbesondere dem strukturalen Film, ist unverkennbar! Ist dieser Bezug Bewusst hergestellt? Schließlich ist die Verbindung von elektronischer Musik und strukturalem Film naheliegend: einerseits in Bezug auf die Fokussierung auf das Element Rhythmus beim Filmschnitt, andererseits in Bezug auf (hypnotische) optische Effekte wie z.B. bei Tony Conrad, Stan Brakhage oder Paul Sharits.

M: Es ist immer schön, sich in guter Gesellschaft zu befinden. Wichtig war uns bei Sensorama immer ein dokumentarischer Ansatz der Videos. Wir haben die Musik im Alltag entdeckt und Bilder gefunden denen elektronische Musik fehlte.
Eine ungeschönte Kamera, wenig Schnitte, kein Make-up. Wie auch sollten wir ein Garagentor stylen. Das machen die Besitzer schön selbst. So erzählen wir mehr über die Menschen. Das ist mir wichtig an Film und Videos. Das ist Dokpop.
Daher auch die Zusammenarbeit mit Anna Berger. Sie ist
Dokumentarregisseurin. Bei ‚Echtzeit’ hielten wir uns in der Welt der Väter auf: dem Büro, dort wo in Folie geschweißte Anzüge Geschäfte machen. In Star-Escalator gab’s die Vororte, der Speckgürtel der Städte und ihre Depression: die Welt unserer Mütter, die uns auch die schönsten Garagen organisiert haben. Mit ‚ Where the rabbit sleeps’ sind wir jetzt mit aufblasbaren Produkten im Kinderzimmer angelangt.
Die Konzerne die uns die Inflatables zur Verfügung gestellt haben, waren
begeistert von der Idee, dass ihre Produkte sanft einschlafen. Jeder spürt, das der Konsum weich wird. Nur die Bundeswehr, die wir zwei Wochen lang um einen aufblasbaren Panzer anfragten, hat nicht mit gespielt. Mir fehlt das an dem Video: ein erigierter Panzer, der plötzlich weich vor sich hinschlabbert, schade!

De.Bug: Da auch bei der Musik von Sensorama, vor allem bei den Stücken zu den Videos, diese oben beschriebene Affinität zu 70er Jahre Stimmungen auffällt (bei denen in der Melodik und Rhythmik), die Frage: habt ihr Euch mit euren Videos auf die Atmosphäre der Musik eingelassen, oder ist die Zusammenarbeit erst zustande gekommen, weil es diese Parallelen zwischen Euren Videos und der Musik von Sensorama gibt?

O: Wie gesagt, wir haben uns sehr auf die Musik eingelassen, wobei wir nicht diese 70er-Assoziationen hatten. Unsere eigenen Videos und Filme sahen nicht wie „Echtzeit“ aus, und Jörn und Roman hatten glaube ich gar keine gesehen vorher.
Wir waren einfach zwei Filmstudenten, die die beiden kannten. Jörn hat dann einen Abend lang erklärt, wie die Musik entstanden ist, und auf dem Cover war ein Kleiderbügel. Das waren die Startpunkte, und dann haben wir Ideen daraus entwickelt. Diese Phase hat länger gedauert, und wir brauchen auch heute noch sehr lang, pro Idee ca. 2 Wochen, das ist sehr unvernünftig. Manche Videos bestehen ja aus mehreren Ideen. Treatments werden nicht bezahlt, dass ist ein Missstand in der Branche, den es anzuprangern gilt!

De:Bug: Gibt es bei den Videos, die ja naturgemäß immer Auftragsarbeiten sind, Vorgaben der Musiker, bzw. haben sie Einblick in die Arbeitsprozesse und Möglichkeiten zur Einflussnahme, oder bekommen sie einfach das fertige Video vorgelegt.

M: Die beiden waren immer mal wieder beim Schnitt dabei. Das hilft allen
Beteiligten, das Bild und die Musik zu verstehen.

De:Bug: Ich bin schlecht vorbereitet, und kenne leider nur Eure drei Videos für Sensorama. Würdet ihr sagen, dass andere Videos von Euch (z. B. für Blaze, Isolée oder Commercial Breakup) grundsätzlich anders sind?

M: Unsere anderen Videos sind ganz, ganz anders. Die Musik ist ja auch sehr anders.

De:Bug: Warum gab’s bei ‚Where the rabbit sleeps’ keine Zusammenarbeit zwischen Michel und Oliver?

O: Das frage ich mich auch. Nein, das waren nur Termingründe. Ich hoffe, das nächste Sensorama-Video, das bereits im August gedreht wird, wird wieder ein Gemeinsames.

De:Bug: Zum Schluss was ganz grundsätzliches: Seht ihr Euch eher als Experimentalfilmer unter neuen, veränderten Bedingungen, denn als Videoclipproduzenten? Ihr macht ja nicht nur Videoclips, sondern auch Nicht-Auftragsfilme.

O: Diese beiden Berufsbezeichnungen sind gleichermaßen gruselig…
Wir sehen uns schon als Videoclipproduzenten. Der Job macht Spaß, wir finden es cool. Wir lassen uns sehr auf die Musik ein und wollen, dass die Bilder passen, oder mehr als passen idealerweise. Selbst, wenn wir uns auf der Bildebene von der Musik distanzieren und ein abstrakteres Verhältnis zu ihr eingehen: das ist schon ein angewandtes Arbeiten, ganz anders als bei den Nicht-Auftrags-Filmen.
Andererseits bezeichnen uns die Leute von größeren Labels oft, meistens erschrocken, als Experimentalfilmer. Sie haben eben ganz andere Kategorien des Denkens.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01