Juli 30, 2001 at 23:14 · Filed under Musik
Aus Fiktionen Fakten machen!
Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metall ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album ‚The Brotherhood Of The Bomp’ bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast mit EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo!
Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten in’s Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind. Doch die Vorteile drohe ich mit meiner schlechten Vorbereitung direkt wieder zu verspielen. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der beiden kenne ich nur die erste Godflesh LP (Justins Metall-Band der frühen 90er), ihr gemeinsames Sidewinder-Album mit industrialmäßigem Techno und natürlich ihr neues Album. Ein Manko, das mir aber als Vorteil ausgelegt wird.
Justin: Es ist gut, Leute zu treffen, die nur das neue Album kennen und nicht die ganze Geschichte und den Mist. Das ist richtig erfrischend!
Kevin: Das kann ein großes Handicap sein, wenn Leute deine Vergangenheit kennen, den ganzen Ballast. Sie haben vorgefertigte Vorstellungen, wie du klingen solltest. Und sie wollen, dass du so bleibst. Aber für uns bedeutet Musik immer auch Wandel, Wir verändern uns als Menschen, und wir sind besessen von Musik, also verändert sich auch unsere Musik. Und manchmal wird dir das nicht erlaubt – besonders von den Medien. Musikmedien verhandeln Menschen häufig als eindimensionale Charaktere. Sie sind DAS, und sie dürfen nur DAS sein! Für uns ist es eine Herausforderung, uns immer wieder neu zu erfinden und unser Interesse an Musik immer wieder anzutreiben.
1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‚Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.
Justin: Du kennst nur das neue Album, aber wir haben uns in den letzten 6 Jahren langsam und kontinuierlich auf dieses Album zu bewegt.
Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein, wenn du Musik magst. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil der Entwicklung von Techno Animal hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Ich finde, das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.
Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‚Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierten.
Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran geliebt. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12“es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen, und musst nicht die Lyrics analysieren.
Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine art Easy listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns.
Kevin: Für die Leute auf Electric Ladyland war es schwierig, mit Rappern zu arbeiten. Das waren Alec Empire, Word Sound, Vadim, Leute die Hip Hop lieben und etwas neues, aufregendes machen wollten, aber weder den Kontext, noch das Geld hatten, um mit Rappern zu arbeiten. Sie wollten, dass es so gut klingt wie traditionelle Hip Hop-Platten, wollten es aber gleichzeitig in eine andere Richtung lenken.
Justin: Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben auch uns die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.
De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?
Justin: Wir hoffen es!
Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.
Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dann hatte auch noch Funk, und es hatte politische Inhalte. Wow!!!
Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst Du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.
De:Bug: Im Moment gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten. Ein Blueprint dafür war vielleicht das verrückte Company Flow Instrumantalalbum ‚Little Johnny from the Hospitul”.
Kevin: Bestimmt, und eine sehr vielversprechende Platte, denn Hip Hop läuft große Gefahr, zu einer Karikatur zu werden. Wir haben letzte Nacht Viva gesehen: da war eine europäische Crew zu sehen und im Publikum waren nur Leute, die absolut auf Old-School aus wahren, mit all den Klischees. Warum versuchen Leute zu sagen, sie wüssten was Hip Hop ist? In Wirklichkeit ist es so, dass viele Schwarze dem Hip Hop bereits den Rücken kehren und andere Musik bevorzugen. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten nicht, was das für eine Musik sein sollte, aber wir wussten, dass es aufregend ist und viel genialische Energie hat. Viel Major-Hip Hop, obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.
2. INDUSTRIAL
De:Bug:In Eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse…
Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so
De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine frühe 80er: Throbbing Gristle, SPK usw.
Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Luigi Nono…
De:Bug: Kennt ihr sein Stück ‚La fabrica illuminata’ von 1969, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk verbindet.
Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken! (hier also der Beweis für ihr unstillbares Interesse an neuen musikalischen Eindrücken und Erfahrungen. Daneben ist ein äußerst wichtiger Programmpunkt ihres Köln-Tages auch ein Besuch bei Kompakt im Anschluss an unser Gespräch)
Kevin: Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in Deiner Umgebung und deine Neurosen in Dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe was wir machen.
De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes . Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.
Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.
De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste gehen…
Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.
Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‚kchchc’ ausgeliefert, da fehlen Dir 60%…
3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zum dritten Eckfeiler Eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.
Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie –
Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn, das ist offensichtlich, wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.
Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!
De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.
Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. All das wollen wir auch!
Kevin: Genau! Und wir woollen dabei in keine Kategorie passen – We don’t want to fit in!
Zuerst erschienen in 9/01
Juli 13, 2001 at 17:09 · Filed under Musik
Mit Pop gegen Pop
Text: Christian Meyer
Wer, bitte schön, ist PeterLicht? Ganz einfach: PeterLicht ist Meinrad Jungblut! Und Meinrad Jungblut ist der mit dem Sonnendeck! Kramt nur mal in Euren Erinnerungen an den letzten Sommer, da findet sich bestimmt ein Eintrag unter ‚S’. Sein uns durch diesen letzten Sommer begleitender Electropop-Hit begrüßt uns auch jetzt noch auf diversen Anrufbeantwortern. In den Wintermonaten klang die Nachricht ‚wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck’ allerdings nicht gerade glaubwürdig. Jetzt, da wir ihr dank Sommer wieder glauben schenken können, kommt das Sonnendeck erneut über uns und wird ein großer Hit! Muß!
Auf der gerade erscheinenden CD ‚Lieder’ gibt es die 6 Stücke der ursprünglichen Meinrad Jungblut Vinylplatte ‚6 Lieder’, die im letzten Sommer bei dem kleinen Label Betrug erschienen ist. Dazu gesellen sich acht neue Stücke von Meinrad Jungblut, also Peter Licht, die aus der selben Zeit wie die 6 Lieder stammen. So bleibt auch jetzt sowohl die produktionstechnische wie auch die musikalische Bandbreite recht groß. Von perfekt produzierten Popsongs die an ‚Echt’ erinnern, uns im Text aber gleichzeitig vor der Popkultur warnen, über Donovan-Folklore mit Akkustik-Gitarre, ‚Lalala-Schubidu’ und 80er-Old-School-Rhythmus-Box zu Lowest-Fidelty Diktiergerät-Aufnahmen. Eine gewisse Einbettung in aktuelle Entwicklungen elektronischer Musik schimmert manchmal durch (‚Ihr lieben 68er’, ‚Fuzzipelz’), ganz sicher sein kann man sich da aber nicht. Ein sonniges Schlagergemüt, NDW-Obskurität und anarchistischer Humor sind ebenso deutliche Zutaten für seine populären Lieder.
Der charmante Underground-Hit und seine 13 Begleiter hätten eine stärkere Präsenz in den Medien auf jeden Fall verdient. Möglich scheint das jetzt durch die große Plattenfirma im Hintergrund zu sein. Erste Anzeichen hierfür sind der verstärkte Medienrummel inklusive niedlichem Trash-Video des Produzententeams Datenstrudel. Hat das vielleicht auch inhaltliche Konsequenzen? Man könnte sich ja denken, dass so eine Firma erst mal gerne noch ein paar Sonnendecks mehr hätte…
PeterLicht: Klar, aber die fanden auch alles andere lustig. Die mochten das gesamte Konzept. Von denen gibt es keinen Druck. Der Deal ist so: ich mache Platten, und sie veröffentlichen die, wenn ihnen der gesamte Cluster gefällt. Wenn nicht, dann wird nichts davon veröffentlicht.
Netter junger Mann am anderen Ende der Leitung, denke ich nicht nur wegen seines Sorglosigkeit suggerierenden Namens („Peter wie Peter Pan, Peter Alexander oder Peter W. Adorno“) und seiner unbekümmerten Auskunftfreudigkeit, sondern auch, weil letzteres zutrifft, obwohl unser Gespräch die Promotionweisheit, dass der Künstler immer die gleichen Fragen beantworten muss, allzu wörtlich nachstellt. Wegen einer versauten Bandaufnahme von unserem ersten Telefonat lässt Herr Licht nun alle Fragen noch einmal über sich ergehen.
PeterLicht: Das ist eigentlich ganz gut, wenn die Fragen immer die gleichen sind. Da fühlt man sich sicherer und kann sich auf anderes konzentrieren, die Geschwindigkeit zum Beispiel. Man kann immer schneller werden beim beantworten von Fragen.
Virilio hätte seinen Spaß daran, aber gemeinerweise habe ich natürlich auch ein paar neue Fragen mitgebracht – jetzt wird’s also ernst:
De:Bug: Neben der Musik stehen auch die Texte der Stücke, die mit klugen, hübsch formulierten Bonmots nicht geizen, im Vordergrund. Auf der Platte werden viele ernste Themen unernst und in blumiger Sprache behandelt: die Entmündigung der 68er, Beschreibungen von Parkplatzsuchneurosen, eine Warnung vor der Popkultur.
PeterLicht: Das ist alles total ernst gemeint.
De:Bug: Wenn Du ernste Themen ernst behandelt hättest, wäre vielleicht auch etwas höchst peinliches dabei herausgekommen.
PeterLicht: Peinlich kann natürlich auch wieder gut sein!
De:Bug: ‚Ihr lieben 68er’ ist inzwischen auf etwas problematische Art von den Ereignissen eingeholt worden. Im Moment herrscht im Mainstream die Meinung, alles war ein großer Fehler und die Beteiligten mögen sich jetzt doch bitte in aller Öffentlichkeit dafür entschuldigen. Eine Kritik der 68er spielt inzwischen den falschen Leuten zu.
PeterLicht: Das Stück ist schon drei Jahre alt, und ich bin ja kein Kabarettist, der das Zeitgeschehen behandelt. Außerdem mag ich die 68er ja. Die Musik ist schließlich auch sehr 68er kompatibel, nette Lieder, oft mit Gitarre. Aber es stimmt schon, ein bisschen komisch ist das doch.
De:Bug: Und wie sieht’s mit der Gefahr aus, dass aus dem Sonnendeck ein Katzeklo wird?
PeterLicht: Du meinst ein Sonnenklo! Hat das Helge Schneider geschadet?
De:Bug: Schon, der wollte ja auch und besonders seine seriöseren Sachen gewürdigt wissen und hat auch mal Leute aus dem Saal entfernen lassen, die immer nur nach dem einen Stück gerufen haben. Du willst ja wahrscheinlich auch, dass die Leute genauso Deine sperrigeren Stücke würdigen…
PeterLicht: Ja, aber es ist mir schon klar, das nicht jeder alles gut finden kann. Hauptsache, sie hören erst mal ein Stück. Mir selbst sind die Stücke alle gleich wichtig, aber ich kann den Leuten da ja nichts vorschreiben. Der eine sieht’s so, der andere so. Deshalb erkläre ich meine Musik auch nicht. Ich weiß nicht wie sich das entwickelt, aber im Moment ist mir das noch egal.
Zuerst erschienen in De:Bug 08/01
Juli 8, 2001 at 14:00 · Filed under Musik
Da bekommt man als Freund merkwürdigen Hip Hops im Laden eine Platte in die Hand gedrückt, bei der man sich dreimal überlegt, ob man diese Musik zwischen Geräuschcollage, Breakbeats, Spoken Poetrie und Rap jenseits von Macho- und Ego-Lyrics noch Hip Hop nennen soll (am vorläufigen Ende der Überlegungen dann aber doch nichts dagegen spricht), mit einem Cover, das deutlichst an das Artwork des legendären Free-Jazz Labels ESP erinnert (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Free Jazz-Label nennt, denn schließlich wurden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Die LP – Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt – heißt Circle, ist von Boom Bip & Dose One und auf dem US-Amerikanischen Hip Hop-Label Mush erschienen (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Hip Hop-Label nennt, denn schließlich werden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Mush, erfährt man nach kurzen Nachforschungen, ist eines von zwei unter dem Firmennamen Dirtyloop zusammengefassten Labels (Three to Five, das zweite Label, veröffentlicht House zwischen Tech, Deep und Disco). Wenn man daraufhin die Mush-Compilation Ropeladder12 durchforstet, bekommt man zwar einen Überblick über die Veröffentlichungen des Labels, ein Verstehen dieser Mischung aus
avantgardistischem Hip Hop und Downbeat-Experimenten auch in Indie-Rock Nähe ist jedoch noch in weiter Ferne. Ein guter Grund, um bei Dirtyloop-Gründer Robert Curcio nachzufragen, wie, warum und vor allem wo solch musikalisch wunderlichen Dinge passieren.
De:Bug: Wie sieht der geographische und soziale Background der Labelbetreiber und der Künstler aus?
Robert Curcio: Unsere soziale und ethnische Herkunft ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Mush wird von einer Gruppe
Individualisten betrieben, die quer über die USA verstreut sind. Im Sommer werden wir unser Hauptbüro aber nach L.A. verlegen und dort bis zum Ende des Jahres die meisten Beschäftigten versammeln. Bei den Künstlern sieht es ähnlich aus: Wir haben über 30 Künstler auf unserem Label, die aus New York, San Francisco, Los Angeles, Baltimore, Maine, Chicago, Minneapolis, Cincinnati und Tokyo kommen. Wir respektieren alle unsere Künstler für ihre Individualität und ihr Talent.
De:Bug: Was war der Hauptgrund, Mush (bzw. Dirtyloop) zu gründen: Habt ihr eine Lücke in der Musikproduktion gesehen, die es zu füllen galt, war es Unzufriedenheit mit der Veröffentlichungspolitik anderer Label besonders im Hip Hop oder war der Anstoß eine bestimmte Platte, die ihr unbedingt rausbringen wolltet?
RC: Ende 1997 hatte ich ein kleines Studio und habe die ersten Produzenten für Mush (Boom Bip, DJ Osiris, Lulu Mushi) bei
Studiosessions kennengelernt. Eines Tages haben Lulu Mushi und ich darüber gesprochen, wie wir unsere Musik veröffentlichen könnten und entschieden uns, ein eigenes Label zu gründen. Mush wuchs dann schnell von einem Label, das 3 Veröffentlichungen und einen Vertrieb im ersten Jahr hatte, zu dem was es heute ist: Für 2001 sind über 30 Veröffentlichungen geplant. Und allein in den USA haben wird inzwischen 15 Vertriebe, die wiederum für den Export in die großen Musikmärkte der Welt sorgen.
De:Bug: Wie sieht eure Veröffentlichungspolitik aus und falls Du das verraten kannst ¬ was sind eure ökonomischen Strategien?
RC: Wir veröffentlichen Musik, die wir lieben, unabhängig vom Genre. Unsere Platten gibt es deshalb hauptsächlich in Läden, die sich auf verschiedene Genres spezialisiert haben. Unsere Strategie: Wir verkaufen an so viele Vertriebe wie möglich und versuchen Lizenzen außerhalb der USA zu verkaufen. Außerdem arbeiten wir daran, möglichst viele Artikel und Reviews über unsere Künstler zu bekommen (Tja, so schnell ist man Teil einer Marketingstrategie, Anm.d.A.). Dann lassen wir die Musik für sich sprechen!
De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu DER Hip Hop-Community aus (um mal an diesem Mythos kräftig mitzustricken). Mush scheint ja ungewöhnlicher Weise auch eine deutliche Nähe zu Independent-Rock zu haben?
RC: Obwohl einige Mush-Releases qualitätvoller Abstract Hip Hop sind, sind wir nicht wirklich ein Hip Hop-Label. Unsere Bandbreite reicht vom besten Abstract Hip Hop, über Dancefloor Jazz und Independent Rock zu Latin angehauchten Grooves. Gerade haben wir sogar einen Drum’n'Bass-Act für eine Reihe von EP¹s gesignt. Doch auch wenn wir in den verschiedensten Genres veröffentlichen, achten wir darauf, dass man überall etwas findet, was den gesamten Mush-Katalog kohärent hält: Qualität in der Musik, bei den Vocals und im Artwork.
De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu dem anderen boomenden Ausnahme-Label “Anticon” aus? Ihr habt ja einige Gemeinsamkeiten, was die musikalische Offenheit, einige Künstler und die Außenseiterrolle im Hip-Hop betrifft.
RC: Wir sind riesige Fans von Abstract Hip Hop und Anticon ist die beste Abstract-Hip-Hop-Crew der USA. Wir arbeiten mit ihren
Künstlern, wenn es sinnvoll ist und sich die Möglichkeit ergibt. Bislang sind haben “Circle” von “Boom Bip” und “Dose One”
veröffentlicht. Dann sind da noch Releases der “So Called Artists” (Sole, Alias, DJ Mayonnaise) im Programm. Jel und The Pedestrian sind für 2001 geplant. Dose One macht etwas A&R für Anticon- und Mush-Künstler. So hat er zum Beispiel Mush mit “Radioinactive” aus LA, “Aesop Rock” aus New York und “Labtekwon” aus Baltimore zusammengebracht.
De:Bug: Wie sieht die Zukunft von Mush aus?
RC: Wie ich schon sagte, ziehen wir nach einem kalten Winter diesen Sommer von Chicago nach LA. Wir hatten unser Büro in beinahe jeder Metropole, jetzt wollen wir an einem Ort bleiben. Weil wir jetzt immer größer werden, wird das sonst zu anstrengend. Für die Leute wird es auch einfacher, uns zu finden. Und: es ist hübsch und warm hier.
Zuerst erschienen in De:Bug 08/01