Techno Animal

Aus Fiktionen Fakten machen!

Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metall ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album ‚The Brotherhood Of The Bomp’ bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast mit EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo!

Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten in’s Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind. Doch die Vorteile drohe ich mit meiner schlechten Vorbereitung direkt wieder zu verspielen. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der beiden kenne ich nur die erste Godflesh LP (Justins Metall-Band der frühen 90er), ihr gemeinsames Sidewinder-Album mit industrialmäßigem Techno und natürlich ihr neues Album. Ein Manko, das mir aber als Vorteil ausgelegt wird.

Justin: Es ist gut, Leute zu treffen, die nur das neue Album kennen und nicht die ganze Geschichte und den Mist. Das ist richtig erfrischend!

Kevin: Das kann ein großes Handicap sein, wenn Leute deine Vergangenheit kennen, den ganzen Ballast. Sie haben vorgefertigte Vorstellungen, wie du klingen solltest. Und sie wollen, dass du so bleibst. Aber für uns bedeutet Musik immer auch Wandel, Wir verändern uns als Menschen, und wir sind besessen von Musik, also verändert sich auch unsere Musik. Und manchmal wird dir das nicht erlaubt – besonders von den Medien. Musikmedien verhandeln Menschen häufig als eindimensionale Charaktere. Sie sind DAS, und sie dürfen nur DAS sein! Für uns ist es eine Herausforderung, uns immer wieder neu zu erfinden und unser Interesse an Musik immer wieder anzutreiben.

1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‚Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.

Justin: Du kennst nur das neue Album, aber wir haben uns in den letzten 6 Jahren langsam und kontinuierlich auf dieses Album zu bewegt.

Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein, wenn du Musik magst. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil der Entwicklung von Techno Animal hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Ich finde, das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.

Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‚Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierten.

Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran geliebt. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12“es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen, und musst nicht die Lyrics analysieren.

Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine art Easy listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns.

Kevin: Für die Leute auf Electric Ladyland war es schwierig, mit Rappern zu arbeiten. Das waren Alec Empire, Word Sound, Vadim, Leute die Hip Hop lieben und etwas neues, aufregendes machen wollten, aber weder den Kontext, noch das Geld hatten, um mit Rappern zu arbeiten. Sie wollten, dass es so gut klingt wie traditionelle Hip Hop-Platten, wollten es aber gleichzeitig in eine andere Richtung lenken.

Justin: Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben auch uns die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.

De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?

Justin: Wir hoffen es!

Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.

Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dann hatte auch noch Funk, und es hatte politische Inhalte. Wow!!!

Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst Du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.

De:Bug: Im Moment gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten. Ein Blueprint dafür war vielleicht das verrückte Company Flow Instrumantalalbum ‚Little Johnny from the Hospitul“.

Kevin: Bestimmt, und eine sehr vielversprechende Platte, denn Hip Hop läuft große Gefahr, zu einer Karikatur zu werden. Wir haben letzte Nacht Viva gesehen: da war eine europäische Crew zu sehen und im Publikum waren nur Leute, die absolut auf Old-School aus wahren, mit all den Klischees. Warum versuchen Leute zu sagen, sie wüssten was Hip Hop ist? In Wirklichkeit ist es so, dass viele Schwarze dem Hip Hop bereits den Rücken kehren und andere Musik bevorzugen. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten nicht, was das für eine Musik sein sollte, aber wir wussten, dass es aufregend ist und viel genialische Energie hat. Viel Major-Hip Hop, obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.

2. INDUSTRIAL
De:Bug:In Eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse…

Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so

De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine frühe 80er: Throbbing Gristle, SPK usw.

Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Luigi Nono…

De:Bug: Kennt ihr sein Stück ‚La fabrica illuminata’ von 1969, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk verbindet.

Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken! (hier also der Beweis für ihr unstillbares Interesse an neuen musikalischen Eindrücken und Erfahrungen. Daneben ist ein äußerst wichtiger Programmpunkt ihres Köln-Tages auch ein Besuch bei Kompakt im Anschluss an unser Gespräch)

Kevin: Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in Deiner Umgebung und deine Neurosen in Dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe was wir machen.

De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes . Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.

Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.

De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste gehen…

Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.

Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‚kchchc’ ausgeliefert, da fehlen Dir 60%…

3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zum dritten Eckfeiler Eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.

Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie –

Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn, das ist offensichtlich, wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.

Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!

De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.

Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. All das wollen wir auch!

Kevin: Genau! Und wir woollen dabei in keine Kategorie passen – We don’t want to fit in!

Zuerst erschienen in 9/01