November 26, 2001 at 23:10 · Filed under Musik
Falsches langsam ausschließen
Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album ‚Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter’ haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.

Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‚Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht, und dass das geht. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf ist, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.
Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man gerne unterbringen, welche Musik man gerade hört. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz, weil der Andere was anderes will, wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.
Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben, und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.:Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.
Zuerst erschienen in De:Bug 1/02
November 22, 2001 at 22:32 · Filed under Comic
Comic als elektronischer Lebensaspekt
Nach einer detaillierten, in Comicform ausgearbeiteten Theorie zum ästhetischen Phänomen Comic, veröffentlicht Scott McCloud nun in gleicher Form eine Analyse der ökonomischen Bedingungen des in der Krise steckenden Comicmarktes und formuliert zugleich die Möglichkeiten der sowohl ästhetischen als auch ökonomischen Neuerfindung des Comics in Zeiten von Computer und Internet.
1993 veröffentlichte der US-Amerikanische Comicautor Scott McCloud seinen vielumjubelten Comicband ‚Understanding Comics’ (die deutsche Übersetzung heißt leider besserwisserisch ‚Comics richtig lesen’). Neben der ungewöhnlichen Tatsache, dass dieser Theorie-Band in der Form des Gegenstandes der Analyse gestaltet war, nämlich als Comic, bestach das 220-Seiten dicke Buch vor allem dadurch, dass hier eine ernstzunehmende ästhetische Theorie (hauptsächlich semiotisch orientiert) in höchst kurzweiliger Form entwickelt wurde. Die Wahl der Form war aber mehr als nur ein Gag bzw. die naheliegendste Möglichkeit, das anvisierte Publikum zu erreichen, denn so konnten die visuellen Effekte, über die gesprochen wurde (und zwar mit Hilfe der Comicfigur Scott McCloud, die den Leser dozierend durch das Buch führt), auch gleich anschaulich vorgeführt werden. Sämtliche Koryphäen der Comic-Kunst, von Will Eisner bis Art Spiegelman überschlugen sich mit Lob. Im Folgenden Arbeitete McCloud an dem computergenerierten Album ‚The New Adventures Of Abraham Lincoln’, dass wenig Gnade bei der Kritik fand. Insofern kann die Rückkehr zu der Erfolgsformel von ‚Understanding Comics’ durchaus zwielichtig erscheinen (erst recht, da die Comicform diesmal nicht ganz so zwingend ist – allerdings spricht auch nichts dagegen). Aber man sollte sich doch anschauen, was ‚Reinventing Comics’, soeben in der deutschen Übersetzung unter dem Titel ‚Comics neu erfinden’ erschienen, inhaltlich zu bieten hat.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten beschreibt McCloud 9 sogenannte Revolutionen, die die fetten Jahre Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre gebracht haben. Diese Zeit hat mit Akteuren wie Bill Sienkiewicz, Frank Miller, Alan Moore, Dave McKean u.a., häufig ausgehend von der Dekonstruktion des übermächtigen Superhelden-Genres, eine sowohl ästhetische als auch thematische Explosion auf dem Comicmarkt verursacht (bei dessen Beschreibung zeichnet sich recht deutlich McClouds amerikanische Sichtweise ab). Im Jahr 2001 gibt es daher immer noch eine große Anzahl thematisch interessanter und künstlerisch eigenständig formulierter Comics, die Marktsituation ist nach dem Ende der Aufbruchsstimmung aber ziemlich schlecht bis katastrophal. McCloud schreibt aus dieser Position, in der die künstlerische Blütezeit gerade zurückliegt, und man die Zukunft recht ernüchtert betrachtet.

Im zweiten Teil fragt er daher nach den Möglichkeiten, die Errungenschaften der ‚Erwachsenwerdung’ der Comics halten und ausbauen zu können. Nach einleitenden Worten über Geschichte und Möglichkeiten von Computer und Internet, beschäftigt er sich mit den Fragen der digitalen Distribution, Produktion (auch ‚Comics neu erfinden’ ist am Computer entstanden!) und der komplett digitalen Comics, die nur im Netz existieren. Dieser zweite Teil ist kräftig von Pathos begleitet, denn McCloud sieht hier nicht nur die einzige Möglichkeit, den künstlerischen Comic finanziell überlebensfähig zu halten, sondern auch die Chance, vollkommen neue Wege sowohl in der Ästhetik der einzelnen Panels, als auch in deren Anordnung zu gehen. Dabei lässt er sich gar nicht einmal so sehr auf multimediale und interaktive Möglichkeiten ein, denn diese Felder möchte er Kunstgattungen überlassen, die dort wesentlich mehr leisten können. Er bezieht sich hier vielmehr auf ästhetische Möglichkeiten jenseits von perfekter Simulation: die Freiheit von Erzählstrukturen, wie sie durch die Loslösung vom bedruckten Papier entsteht. Diese Möglichkeiten beschreibt McCloud in ‚Comics neu erfinden’ eindrucksvoll und anschaulich. Ob man sich aber in Zukunft komplett von der herkömmlichen Form des Comics als Buch verabschieden soll und kann, darf trotz aller Euphorie McClouds bestritten werden.
Zuerst erschienen in De:Bug 01/02
November 2, 2001 at 22:30 · Filed under Kunst
Zwischen den Orten
Nachdem die Relevanz der Art Cologne in den letzten Jahren zunehmend angezweifelt wurde (obwohl der Kontrahent in Berlin sich auch nicht durchsetzen konnte), wird dieses Jahr mit dem Slogan ‚The Artpole of the world’ diese Relevanz schlicht wieder behauptet. So kann man’s auch machen…
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