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Archive for April, 2002

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend (Buch)
V/A: Verschwende Deine Jugend (CD)

Warum sich ‚New Wave’ nicht mit ‚Neue Deutsche Welle’ übersetzen lässt.

Ende letzten Jahres erschien im Suhrkamp Verlag das großartige Buch VERSCHWENDE DEINE JUGEND. Damit lieferte Jürgen Teipel anhand unzähliger O-Töne ehemaliger Protagonisten der deutschen New Wave zwischen 1976 und 1983 ein umfangreiches Zeitkolorit vom Auf- bis zum Zusammenbruch der Szene. Die Zitate aus den einzelnen hierfür geführten Interviews sind kommentarlos, aber in höchst raffinierte Weise aneinandergereiht – der Autor nennt es Doku-Roman, das Prinzip ist übernommen von dem ebenso gelungenen Pendant und Vorbild “Please kill me” von Legs McNeil und Gilian McCain (auf Deutsch erschienen bei Hannibal).

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Im Zusammenhang mit diesem Buch erscheint nun bei dem damals stark involvierten Düsseldorfer Plattenlabel Ata Tak eine ebenso einmalige Doppel-CD, die analog zum Buch die bedeutendsten Musikstücke dieser Zeit zusammenfasst. Über die Auswahl muss man erst gar nicht streiten: denn erstens ist sie wirklich sehr repräsentativ für das musikalische Geschehen dieser Zeit (die Düsseldorflastigkeit findet man bereits im Buch, sie ist aber auch historisch legitim), und zweitens orientiert sie sich ja an den im Buch entscheidenden Stücken, ist also eine Gesamtauswahl vieler der Beteiligten Musiker: angefangen vom Düsseldorfer Ur-Punk bei MALE, MITTAGSPAUSE und S.Y.P.H., über die avantgardistischeren, mehr aus Kunstkontexten entstandenen Ansätze bei PALAIS SCHAUMBURG, der TÖDLICHEN DORIS, den Einstürzenden Neubauten oder FSK bis zum Abgesang auf die ‚Happy New Wave’ von XAO SEFFCHEQUE und den neue Tendenzen anstoßenden, elektronischen Tanzmusiken von DAF, den KRUPPS und LIAISONS DANGEREUSES (nur: wo bleiben die GEISTERFAHRER?). Buch und CD gemeinsam konsumiert, ergibt das einen äußerst gelungenen Einblick in eine bis dahin eher dürftig dokumentierte musikalische Deutschstunde. Und wer sich jetzt fragt, warum Nena und Markus unerwähnt bleiben, der muss nachsitzen und 100 mal ‚New Wave’ an die Tafel schreiben!
Erschienen bei Suhrkamp (Buch) bzw. Universal (CD; VÖ: 22.4.2002).

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

Die literarische Vorlage des zur Zeit in den Kinos laufenden Films From Hell mit Johnny Depp ist der gleichnamige Comic von Alan Moore und Eddie Campbell, der aus diesem Anlass jetzt auch in einer einbändigen, deutschen Gesamtauflage vorliegt. Moore (Watchmen, V wie Vendetta) hat dieses Mammutwerk zusammen mit dem Australischen Zeichner Campbell in den Jahren ´89 bis ´98 verfasst, und wenn man den ca. 600 Seiten umfassenden Wälzer erst einmal durchgearbeitet hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über den langen Zeitraum der Entstehung. Moore nimmt die Ereignisse um die bis dato ungelösten Whitechapel-Morde (bekannt geworden unter dem fiktiven Namen Jack the Rippers) als Aufhänger, um an ihnen den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert zu veranschaulichen – technisch, mental, kriminal – nicht ohne die halbe Weltgeschichte zwischen Mythen-, Architektur- und Sozialgeschichte auch noch abzuhaken. Und dies tut er mit einem Rechercheaufwand, den nur ein Besessener betreiben kann. Im Rahmen der eigentlichen Mordserie stützt er sich auf zahlreiche bisherige Veröffentlichungen zum Fall, recherchiert aber auch selber und bastelt sich so seine eigene Theorie zusammen, wobei er alle Quellen, eigenen Schlüsse und fiktiven Einschübe um der Dramaturgie Willen in einem detaillierten, schriftlichen Kommentar (alleine das sind 60 Seiten) erläutert.

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Campbell arbeitet auf den ersten Blick intuitiver: In seinen fahrigen s/w-Zeichnungen ist das Londoner Nebel- und Regenwetter stets präsent – allerdings auch in den Innenräumen! Daher ist es wohl kaum überinterpretiert, wenn man in den rastlos hingekritzelten Zeichnungen einerseits die Unruhe und Ungeduld der Protagonisten widergespiegelt sieht, andererseits in ihren Ungenauigkeiten und häufig nur schemenhaften Andeutungen die vage Sachlage des Kriminalfalls reflektiert findet. Und letztendlich basiert natürlich auch die visuelle Darstellung der Architektur, der Mode und der restlichen Requisiten auf detaillierter Recherche.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet dieses Comic-Monstrum im zweiten Anhang auch noch einen 24 Seitigen Bonuscomic, der sich auf der Metaebene der Entstehung des Buchs widmet. From Hell ist sofort in meine persönliche Top Ten der besten Comics aller Zeiten eingestiegen. Der Film (muss man es noch extra sagen?) ist natürlich nur eine traurige Verstümmelung der Vorlage.
(Speed Comics)

Zuerst erschienen in De:Bug 05/02