Michael Husmann: Rama

Da bestellt man ahnungslos bei dem kleinen Schweizer Comic-Verlag Arrache Coeur ein Rezensionsexemplar ihrer neuesten Veröffentlichung – und was bekommt man? Nicht weniger als eine kleine Revolution des Mediums! Genau das ist Michael Husmanns Adaption der Indischen Sage Rama. Huismann fast zunächst auf zwei Seiten den Plot der Legende in einer Kurzerzählung zusammen, um uns im Folgenden mit seiner quietschbunten, in der Gegenwart angesiedelten Comicversion sprachlos zu machen.

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Alleine die Verknappung der Story mittels Untertiteln hat es in sich: „…brachte eine seiner drei Frauen ein Pferdeopfer dar…“ wird zu „Pferd: Wieher!; Revolver: Peng!; Pferd: +++“ und „… versuchte, sie durch betörende Reden zu gewinnen“ wird zu „Hallo… Ich will Sex mit Dir!“ Die Bilder sprechen eine genau so deutliche Sprache: in indisch-knallbunt lümmeln sich die Protagonisten wie Medienhipster in schicken Interieurs, müssen sich allerdings nicht mit Mac & Co. sondern mit allerhand Dämonen rumschlagen. Panels im klassischen Sinn gibt es auf den Seiten nicht, Sprechblasen schon gar nicht! Stattdessen gilt es auch für den Comic erfahrenen Leser erst ein mal die Handlungsabfolge zu erforschen, und die Auslassungen sind sogar für ein auf dem Prinzip der Auslassung (zwischen den Panels) basierendes Medium wie den Comic etwas zuviel des guten. Und so ist das Lesen der Sage nicht nur ein Differenzentdeckungsspaß, sondern zum Verständnis der Handlung ziemlich unerlässlich. Ein dreifaches Hoch auf diesen das Leseverhalten irritierenden Medienzwitter!

„City Of God“ von Fernando Meirelles

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Lateinamerikanisches Kino ist wieder schwer im kommen – sowohl mit kleinen Filmen („Ein Glückstag“, „Historias Minimas“, „Japón“) als auch im ambitionierten Mainstream („Die Versuchung des Padre Amaro“). City of God gehört sicherlich in die zweite Kategorie, das Adjektiv vor Mainstream sollte man hier aber ganz groß schreiben!

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Plaque 01 – Magazin für Wort und Bild

All die Hoffnungen, die in den 80er Jahren geschürt wurden, dass Comic Kultur endlich aus dem Spezialistenkreis heraus in die allgemeine kulturelle Wahrnehmung als etwas anderes als gezeichnete Enten eingehen könnte, nämlich als komplexes, anspruchsvolles künstlerisches Medium, mussten trotz der theoretischen Bemühungen Scott McClouds in den 90er Jahren wieder tief begraben werden. Stattdessen allerorten Mangas, die die Superhelden im Mainstream abgelöst haben. Im deutschsprachigen Raum erhält seither lediglich das tapfere Magazin Strapazin ein wenig die Hoffnung, der sogenannte Erwachsenen-Comic könne endlich die ihm gebührende breitere Popularität erlangen. Doch jetzt kommt Verstärkung in Form der jährlich erscheinenden Anthologie „Plaque“ aus dem Avant-Verlag, dem Berliner ‚Fachmann’ für italienische Comicavantgarde. Da verwundert es nicht, dass der Schwerpunkt der ersten Ausgabe mit Beiträgen von und zu Andrea Bruno, Steffano Ricci, den Altmeistern Lorenzo Mattotti und Igort sowie anderen gleich auf italienischen Künstlern zwischen klarer Sachlichkeit, wilder Expressivität und Materialexperiment liegt.

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Das schöne und einzigartige 300 Seiten starke Magazin im Buchformat widmet sich verschiedenen Autoren und Zeichnern mit aufschlussreichen, intelligent geführten Interviews und teils exklusiven Arbeiten der Künstler. Außerhalb des Italien-Spezials finden sich neben den Comic-Rahmen sprengenden Zeichnungen, Graphiken und Collagen von unbekannteren Künstlern wie Jens Harder oder Marc Gröszer auch Beiträge von und zu solch nationalen Größen wie Atak und sogar einem Superstar wie Alan Moore, dessen klugen Worten im Interview man gerne folgt und der mit „Ich komme immer wieder zurück“, einer klar reflektierten Kurzgeschichte zum riskanten inzestuösen Autor-Werk-Verhältnis, noch ein mal eine Fußnote zu seinem Jahrhundert-Werk „From Hell“ abliefert – auf dass dessen Verfilmung in ewige Vergessenheit gerate!
(Herausgeber: Johann Ulrich u. Kai Pfeiffer, avant-verlag)

Zuerst erschienen in De.Bug 05/03