„City Of God“ von Fernando Meirelles

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Lateinamerikanisches Kino ist wieder schwer im kommen – sowohl mit kleinen Filmen („Ein Glückstag“, „Historias Minimas“, „Japón“) als auch im ambitionierten Mainstream („Die Versuchung des Padre Amaro“). City of God gehört sicherlich in die zweite Kategorie, das Adjektiv vor Mainstream sollte man hier aber ganz groß schreiben!

„City Of God“ kann man getrost ein Epos nennen, dass den Beginn der organisierten Kriminalität in den Favelas von Rio de Janeiro in den späten 60er Jahren bis zu den großen Bandenkriegen in den frühen 80er Jahren kunstvoll erzählt. Anhand der Figur Buscapé begleiten wir den Aufstieg einiger Kids zu mörderischen Bandenchefs im Drogenkrieg. Regisseur Fernando Meirelles macht damit den Versuch, Paulo Lins halbbiografischen Roman „Cidade De Deus“ zu verfilmen. Das 600-seitige, vielgefeierte Werk umspannt eben jene Zeitklammer und gut 300 Charaktere. Meirelles destilliert mittels einiger Auslassungen daraus eine erstaunlich komplexe wie nachvollziehbare eigene Welt mit eigenen Gesetzen, einer eigenen Logik und einer oftmals absurd erscheinenden Alltäglichkeit von Gewalt.

Dadinho und Buscapé wachsen beide in der neu erbauten, relativ friedlichen Barackensiedlung Cidade de Deus auf. Buscapé, schüchtern, romantisch und mit einer kreativen Ader, wünscht sich ein ruhiges Leben, ein nettes Mädchen und eine Kamera, denn er träumt davon, Fotograf zu werden. Dadinho, später Locke genannt, hat schon früh alle moralischen Instanzen über Bord geworfen und sucht sein Glück nach einer Karriere als Kleinkrimineller im in den 70er Jahren aufkommenden Drogenhandel – und geht dabei über unzählige Leichen. Als einige Jahre später der Bandenkrieg tobt, kreuzen sich ihre Wege wieder: Buscapé soll jetzt auch schießen – für die Zeitung Fotos von Locke, der nicht länger nur berüchtigt sein, sondern auch berühmt werden will.

Meirelles bekommt dieses Monumentalwerk in den Griff, indem er die Geschichte in drei großen Kapiteln erzählt: den kleinkriminellen Beginn als leicht romantisierte, braun gefärbte Erinnerung, den hippieesken Ausbau des Drogengeschäfts in den 70ern als Popkultur durchtränkten Rausch, unstrukturiert, ausufernd, aber gut gestylt, und den harten Kampf in den 80er Jahren als kühle, hart geschnittene alles zerstörende Raserei, bei der man gänzlich den Überblick über all die (Kinder-) Charaktere zu verlieren droht.
Man mag Mereilles vorwerfen, dass er im zweiten Teil, wenn Samba und Schüsse sich zu einem wilden Rhythmus mischen, ein zu luftiges Bild zeichnet, und er im dritten Teil einer martialischen Ästhetik erliegt (eine Kritik, die so oder ähnlich auch zu hören war). Man sollte aber auch sehen, dass genau diese für uns kaum zu vereinbarenden Dinge – hier Schlaghose, Party und Drogenrausch und eruptive Gewaltausbrüche, da soldatischer Aufmarsch von 10 Jährigen, die wegen eines falschen Wortes töten – absurde Realität sind. Man kann schon glauben, dass die an die 100 Laiendarsteller aus den Favelas rund um Rio de Janeiro sich ihre Posen und Gesten nicht alle ausgedacht haben. Sie spielen das Leben nach, dass sie tagtäglich um sich herum erleben.
(Bundesstart: 8.5.2003)

Zuerst erschienen in choices 05/03