„Japón“ von Carlos Reygardas

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Film Nummer Eins

Ein Mann schleppt sich hinkend durch das karge Hochland Mexikos. Er komme, antwortet er den Dorfbewohnern, um sich umzubringen. Doch den Städter verändern die Landschaft und die Bewohner dieser Gegend. Vor allem die Begegnung mit einer alten Frau weckt neue Lebensgeister in ihm.

 Man muss nicht erst Carlos Reygardas sagen hören, dass sein Interesse am Film mit 16 Jahren durch die Filme von Andrej Tarkowskij geweckt wurde, um die Verbindung zum russischen Regie-Meister herzustellen. Bereits in den ersten Szenen von Japón, dem Regiedebut von Reygardas, spürt man in ähnlicher Weise die gleichermaßen erdrückende wie erhebende Präsenz der Natur. Die Kamera kriecht über den Boden und begleitet spürbar den schleppenden Gang des Protagonisten, begleitet spürbar den schleppenden Gang seiner Seele. In Momenten der sich auftürmenden Gefühle erhebt sie sich aber auch kreisend über die Landschaft, dramatisch begleitet von klassischer, oft sakraler Musik – eine weitere Parallele zu Tarkowskij. Doch Reygardas ist nicht religiös motiviert wie Tarkowskij. er ist eher als Agnostiker zu verstehen, der beobachtet und zeigt, was er sieht.

Eine der Eigenheiten des Films liegt so auch darin, dass inszenierte und dokumentarische Elemente dicht nebeneinander liegen, oft sogar miteinander verschmelzen. Die Spielszenen – komplett von Laiendarstellern gespielt – wirken häufig wie Dokumentaraufnahmen, während man sich bei den dokumentarischen Szenen des Landlebens erst lange wundert, wie das denn wohl gespielt sein soll (beispielsweise in einer Szene, wo ein betrunkener Dorbewohner zunächst völlig unbefangen schief Singt und plötzlich anfängt bitterlich zu weinen), bevor man merkt, dass es eben nicht gespielt ist (unwillkürlich klagt er, dass man vom Filmteam ja keine weiteren Zuwendungen in Form von Spirituosen zu erwarten hätte – der einzige, unglaublich spannende Moment, wo Film und Realität wirklich kollidieren). Auch bei einer längeren Paarungsszene zweier Pferde grübelt man zunächst, wie das wohl inszeniert wurde. Dabei wurde wohl ganz einfach nur die Kamera hingehalten. Das ist Reygardas Prinzip: er lässt sich von der Wirklichkeit überzeugen, wenn sie Vorschläge macht, wie der Film ein besserer werden könnte. Gleichzeitig macht er sich aber auch nicht zum Untertan übersteigerter Authentizitätsfantasien. Die Psychologisierung der Personen gelingt ihm daher auch mittels starker Stilisierungen, sei es in der beschriebenen Form virtuoser Kamerafahrten, ausgefeilter Plansequenzen oder atemberaubender Filmmusiken.

Für den Film braucht man Geduld. So viel Geduld, wie die langsam über die steilen, steinigen Pfade wandernden Bewohner des Dorfes. Aber nur so kann man das gesehene auch wirklich fühlen. Belohnt wird man trotzdem auch auf anderer Ebene. Alleine die Schlussszene ist eine der zugleich virtuosesten, aufwühlendsten, schönsten und erschreckendsten seit langer Zeit. Bleibt die Frage nach dem verwirrenden Titel. Er ist rein assoziativ, verweist mit Japan auf Harakiri, aber auch auf Meditation. Aber eigentlich ist es nur ein Ausweg aus einem Übel: Reygardas mag keine Titel, würde lieber einen Film ‚o.T.’ machen. Dem Guardian sagte er, dass er seinen nächsten Film am liebsten ‚Film Nummer Zwei’ nennen würde. Wenn der so faszinierend wird wie die Nummer Eins, kann er das ruhig machen.

(Bundesstart: 5.6.2003)

Zuerst erschienen in choices 6/03

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