Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“

Rockerdialog: Wen interessiert das noch?

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.

De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003