Schlammpeitziger II

Schlamm(ge)schichten

Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zustellen. Aber nicht drei Jahre lang! Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best of CD für das Britische Label Domino war zunächst eine Neupositionierung gefragt. Das Album selbst wurde in nur einem halben Jahr eingespielt. Was ist neu, was ist anders?

In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: er hat zum ersten mal stringent an einem Album gearbeitet, und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren 9 Tracks fertig! „Es sollten eigentlich 10 Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.“ Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich einiges geändert: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. „Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resamples gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf 8 analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-‚Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.“

Und nach oben, unten, rechts und links! Nachdem die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix „zu eigen, zu verschroben“ war) und sein Best-of… Album „Collected simplesongs Of My Temporary Past“ auf Domino veröffentlichen zu können das Telefon NICHT haben heiß klingeln lassen, hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. „Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt., zwischen Geräusch, Melodie und Pop.“ Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album „Everything Without All Inclusive“ ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.

Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten – vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. „Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anders wohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!“

Geblieben sind bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album Titel wurde er etwas pragmatischer: „Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel „Everything Without All Inclusive“ richtet sich gegen ‚all inklusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.“
(Sonig, VÖ: 3.11.03).

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Peaches – Fatherfucker

Erstmal volle Punktzahl für’s Image: Peaches mit angeklebtem Bart auf dem Cover des wohlüberlegt betitelten zweiten Albums „Fatherfucker“:

Peaches.jpg

Sexploitation und Gender-Verwirrung sind weiter ihre Themen. In einem der drei Bonus-Videos dann noch ein musikalisches Statement: „Queen of the Electro-Crap“ nennt sie sich da und läuft rum wie die 43. Version einer M.I.A. Obwohl: rein musikalisch betrachtet könnte sie natürlich auf dem Electro-Clash-Sampler landen: ihr Minimal-Electro-Booty-Style ist ab und an von Rockgitarren durchkreuzt. Das meiste hier ist aber staubtrockener Ghetto-Bass, Techno-Bass oder wie man das Zeug zur Zeit nennt. Cool wie Scheiße, dieser Crap, und das weiß inzwischen sogar good old Iggy Pop, der mit ihr bei „Kick It“ im Duett singt. (Als Doppel-CD mit 3 Bonustracks, darunter das tolle, bisher nur live gehörte „Sex(I’m a)“).
(XL-Rec./Beggars Group, VÖ: 15.9.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 10/03

Cavemen Speak – Wooden Cast

Es ist erstaunlich, was für eine Bandbreite das Duo Cavemen Speak da auf 11 Tracks demonstriert: zwischen hübsch verträumten Stücken mit perlenden Pianoakkorden, düster-verrauschtem Minimalismus, eingeflochtenen tricky Breakbeats in Drum ‚n’ Bass-Tempo, Electronica-Anleihen, Jazz-elementen und fernöstlichen Sounds findet man hier so ziemlich alles in bester Qualität, was man vom Leftfield-HipHop der letzten Jahre kennt. Und mehr! Schöne Überraschung!
(Shadowanimals, VÖ: 9/03)

Fanny Pack – So Stylistic

Salt ‚n’ Pepper oder die unbekannteren aber ziemlich irren und guten L’Trimm sind die deutlichen Referenzen von Fanny Pack. Also Female Rap der späten 80er: aufgekratzt freche Raps plus minimalistische Beats aus der Roland-808. In der Version der zwei musizierenden Jungs und der drei Girls (Jessibel, Belinda und Cat heißen die) paart sich das zudem mit fettem Booty-Style. Das klingt zwar erst einmal sehr ausgedacht – und ist es wohl auch – doch die Mischung funktioniert vorzüglich. Wenn man „Push it“ mochte und gegen Partymusik mit einer Extraportion Bass nichts einzuwenden hat, ist das genau das richtige. Und bitte nicht vom 80’s-Trash-Cover mit original Fat Boys Schriftzug abschrecken lassen.
(Tommy Boy, VÖ: 09/03)