Monatsarchiv für Oktober 2003

Filmverleih “Rapid Eye Movies”

Mit Gewalt gegen die Großen

Gerade ist „Dolls“, der neue, bildgewaltige Film von Takeshi Kitano, in den deutschen Kinos angelaufen. Kitano, den japanischen Tausendsassa, kennt man inzwischen auch hierzulande. Seine Spielfilme sind außergewöhnliche Gratwanderungen zwischen exzessiven Gewaltausbrüchen und außerordentlich sensiblen Bildkompositionen. Dass seine Filme spätestens seit „Sonatine“ (1993, zeitverzögert in den deutschen Kinos) eine große Fangemeinde gewonnen haben, ist unter anderem dem kleinen Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies (R.E.M.) zu verdanken. Der Verleih wurde vor sieben Jahren von Antoinette Köster, Stephan Holl und Sigrid Limprecht, die zugleich Geschäftsführerin der Bonner Kinemathek ist, gegründet. Gestartet hat man mit dem Anime „Ghost in the Shell“ und damit gleich ein ganzes Genre ins hiesige Bewusstsein gerückt. Denn von Anfang an wollte man „filmisches Neuland betreten“, wie Stephan Holl berichtet. Seitdem hat Rapid Eye Movies pro Jahr fünf bis zehn Filme in die deutschen Kinos gebracht, darunter solch außergewöhnliche und schockierende Arthouse-Filme wie Takashi Miikes feministischen Splatterfilm „Audition“ oder den nicht minder drastischen Liebesfilm „The Isle“ von dem Koreaner Ki-Duk Kim. Derartige Filme, die sowohl thematisch als auch ästhetisch die Grenzen des gewöhnlichen Kinobetriebs sprengen, sind durchaus repräsentativ für das Programm von R.E.M., wo man „immer auf der Suche nach dem, was einen fordert und weiterbringt“ ist, so Holl. Aber es gibt durchaus auch leichtere Kost – vor Genre- und Trashfilmen schreckt man bei R.E.M. nicht zurück. Solange die Filme einen eigenen Ansatz erkennen lassen bzw. dem jeweiligen Genre etwas neues einhauchen, darf „auch mal ein Partymovie“ im Programm auftauchen. Das gilt vor allem für den Video- und DVD-Bereich, der zur Zeit mit Hilfe neuer Vertriebspartner ausgebaut wird. Dort wird demnächst auch der Bollywood-Film „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ erscheinen. Das indische Epos mit vielen Tanz-, Gesang- und vor allem Heulszenen war dank R.E.M. im Frühling dieses Jahres der erste in Deutschland adäquat gezeigte Film seiner Art. Das ein vierstündiges „Musical“ aus Indien hier trotzdem nicht zu den Kassenschlagern zählt, verwundert aber niemanden. Finanzierbar sind solche Liebhaber-Eskapaden nur durch sekundäre finanzielle Unterstützung. Neben der Filmstiftung NRW, ohne die sich der Verleih nach eigenen Angaben nicht hätte etablieren können, trägt sich das Unternehmen mit Hilfe von Fernsehlizenzen. Vor allem der WDR ist da ein verlässlicher Partner: die Finanzierung von „Dolls“ war nur mit einer gleichzeitigen Zusage des Kölner Senders, die Fernsehrechte zu erwerben, möglich. So ist neben dem Kinoverleih und dem Video/DVD-Markt das Fernsehen das dritte Standbein von R.E.M., das hoffen lässt, dass dieser kleine, spezialisierte Verleih den großen aber meist profillosen Filmverleihen auch auf Dauer Paroli bieten kann.
Christian Meyer

Zuerst erschienen: Zeitung der Kunstfilmbiennenale Köln 2003

“Dogville” von Lars von Trier

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Don’t fuck with Grace!

Auf der Flucht vor Gangstern kommt Grace in das kleine Dorf Dogville. Dort versteckt man sie, und sie wird im Kreise der Dorfgemeinschaft freundlich aufgenommen. Als das Risiko für die Einwohner des Dorfs zunimmt, beginnen sie, Forderungen an Grace zu stellen. Die anfänglich freundliche Stimmung kippt…

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“Sie haben Knut” von Stefan Krohmer

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Die frühen 80er Jahre, Ingo und Nadja: Sie wollen eigentlich ruhige Wochen in einer Skihütte verbringen und ihre verfahrene Beziehungskiste zurechtrücken. Doch da tauchen Freunde von Nadjas politisch aktivem Bruder auf, und mit der Ruhe ist es schnell vorbei …

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Squarepusher

Sonic Destroyer!

Bevor das Interview beginnt, fällt im Raum der Name Alan McGee. Kennt der nach einigen Stunden Dumme-Journalisten-Fragen-Beantworten deutlich abgeschlaffte Tom Jenkinson aka Squarepusher nicht! Als ich erläutere, dass er das Label Creation gegründet hat, lautet sein desinteressierter Kommentar: „Kenn ich auch nicht, aber was für ein blöder Name. Hätte er besser Destroy genannt“.

Dabei macht sich Squarepusher nach wie vor häufig die doppelte Arbeit: erst kreieren, dann negieren, oder – etwas positiver ausgedrückt: erst zusammensetzten, dann wieder auseinandernehmen! Auf Squarepushers neuer Platte ‚Go plastic’ kommt diese Tugend wieder voll zum tragen, nachdem er zuvor mit Maximum Priest und Budakhan Mindphone fast schon seriöse Avantgardeziele verfolgt hat. Auf die Bemerkung, er würde sich im Moment wieder mehr seinem frühen Wahnwitz nähern, und überhaupt sei seine Entwicklung alles andere als die einer linearen Evolution, kontert er mit einem Modell dreier Tracktypen, die ständigen Verfeinerungen unterworfen werden: „Es gibt die ruhigeren Stücken ohne Beats (Leute, die das Ambient nennen, sollten ihm nicht zu nahe kommen…), die eher im Drum ‚n’ Bass-Kontext angesiedelten Stücken und die freieren, Fusion-Jazz inspirierten Sachen. Die drei Typen vermischen sich natürlich auch“. Denn alle drei Stränge bewegen sich auch gerne in Kreisen, entwickeln sich also nicht nach herkömmlichen Fortschritts-Schemata, und – das kann man sich leicht ausmalen – verheddern sich auch ineinander. Das führt zu D’n’B- Ambient (aua!), Fusion-D’n’B, Ambient-Fusion (noch mal aua!) und ähnlichem Unfug, der zu Hören dem Wagemutigen großen Spaß bereiten kann.
Neben dem wieder angehobenem Irrwitzfaktor scheint auch der Anteil ‚herkömmlicher’ Instrumente (Bass und Schlagzeug) wieder abgenommen zu haben.
Bei dem Thema entwickelt Herr Jenkinson allerdings einen ähnlichen Ekel, wie bei der Genreeinordnung seiner Tracks, aber da muss er jetzt trotz seines desolaten Zustands durch. „Die Unterscheidung von Computern und Instrumenten, äh, wenn ich von Instrumenten rede meine ich…(spielt den muckermäßig hochgeschnallten Luft-Bass), interessiert mich nicht“.
Ich stimme ihm schnell zu, um nicht vollkommen als Trottel dazustehen… Aber schließlich hat er dieses Fusion-Virtuositätsausstellungsspiel selber bereits mit den Bass-gniedel-daddel-Soli seines ersten Albums „Feed Me Weird Things“ losgetreten. „Hm, ja, stimmt“. Na also! Die Anteile herkömmlicher Instrumente sind jedoch gar nicht zurückgegangen, nur macht eine nachträgliche Klangbearbeitung auf der einen, und das Sampeln herkömmlicher Instrumente auf der anderen Seite eine Unterscheidung immer schwieriger und natürlich auch überflüssiger. Das Werk beantwortet die Fragen mal wieder wesentlich besser als der Autor. Und auch dessen Laune ist deutlich besser. Findet er eigentlich, dass seine Musik humorvoll ist? „Ja, schon…“.
Wirklich neu ist hingegen sein Versuch, 2Step ein wenig Charakter einzuhauchen. „Eines Tages kam ein Freund von mir, der viel 2Step hört, in mein Studio und er fand meine neuen Sachen mal wieder sehr strange. Da habe ich gesagt: ‚Ich mach Dir mal einen 2Step Track in meinem Stil’“ . Hat er gemacht, und als der Freund ihn gehört hat, hat er ihm anscheinend sogar gefallen, auch wenn er ihn etwas ungewöhnlich fand. Nur, es ist zu befürchten, dass der beim Tanzen zu „My Red Hot Car“ seinen Champagner verschütten wird.

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

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