„Wolfzeit“ von Michael Haneke

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Zeitalter der Dunkelheit

Eine Mutter irrt mit ihren beiden Kindern durch eine ländliche Gegend, die von einer unbestimmten Katastrophe gezeichnet ist: Tiere verenden, das Trinkwasser ist rar, die Menschen rotten sich zu kleinen Gruppen zusammen, um das Überleben zu sichern. Düsteres, ergreifend schlicht gestaltetes Endzeitszenario …

Ende der 70er Jahre war in den deutschen Kinos das apokalyptische Gesellschaftsportrait „Die Hamburger Krankheit“ von Peter Fleischmann („Jagdszenen aus Niederbayern“/´69) zu sehen und löste äußerst zwiespältige Reaktionen bei den Kritikern aus. Der Film begleitet eine wild zusammengewürfelte Gruppe bei der Flucht durch ein deutsches Katastrophenszenario, das durch eine dubiose Seuche ausgelöst wurde. In der Hauptsache wurde Fleischmanns Film wegen seiner stilistischen Brüche und eines Realismus angegriffen, der schnell an seine Grenzen stößt und wenig Raum lässt, die Fantasie zu entfesseln.
In Michael Hanekes „Wolfzeit“ gibt es viel Raum für Fantasie, aber nur eine einzige (Soll-)Bruchstelle – und die erfolgt gleich nach den ersten fünf Minuten: Wer bei Michael Haneke fürchtet, psychisch nur schwer zu ertragende filmische Belastungsproben durchstehen zu müssen, wird sich nach diesen ersten fünf Minuten relativ gelassen zurücklehnen können: Eine Familie – Vater, Mutter, Tochter, Sohn (nicht zufällig das Abziehbild eines Familienidylls) – erreicht mit dem Auto das Ferienhaus, eine Blockhütte im Wald. Man räumt eifrig und euphorisch Gepäck und Proviant ins Haus, als dort plötzlich ein Mann mit Gewehr aus dem Dunkel auftaucht – er erschießt den Vater. Derartig überraschende Schocks kennt man von Haneke. In „Bennys Video“ ist es eine unerträglich lange Gewaltszene merkwürdigster Alltäglichkeit, in „Funny Games“ ist es der unwirklich-perverse Einbruch von Gewalt in ein Familienidyll, dass in Wolfzeit als Selbstzitat aufgegriffen wird. Im Folgenden wendet sich Haneke von den klaren Schocks seiner früheren Filme jedoch ganz offensichtlich ab und taucht stattdessen ab in eine apokalyptische Dunkelheit!
Im folgenden zieht die Mutter (Isabelle Huppert) mit den Kindern durch eine meist in Nebel oder Dunkelheit gehüllte ländliche Gegend, aus der sich nur langsam die Konturen einer Katastrophe herausschälen: Tierkadaver säumen die Wege, Wasser ist knapp, Menschen schließen sich zu kleinen Gruppen zusammen, um zu überleben. Noch mehr als bei Fleischmann bleiben die Hintergründe oder der Schauplatz der Seuche im Verborgenen – sie dient nur als abstrakte Versuchsanordnung, um das menschliche Zusammenleben in existentiellen Krisen durchzuspielen. In der kleinen Gruppe, zu der die Mutter mit den Kindern schließlich stößt, trifft man sie alle: den Anführer, den Egoisten, den Altruisten, den Pragmatiker, den Mystiker. Von der Darstellung dieser exemplarischen Gesellschaft lenkt in Hanekes Film weder ein breites Stil-Repertoire noch eine bombastische Inszenierung wie bei Fleischmann ab. Die kann natürlich auch ihren Reiz haben, wie auch Jean-Luc Godards themenverwandter Film „Weekend“ (1967) beweißt, doch Haneke bleibt leise und ganz der Minimalist, der er in seinen Filmen immer schon war: lange, ruhige Einstellungen, wenige Dialoge und eine schlichte Ausstattung zwischen Alltag und Atavismus beherrschen die Ästhetik des Films. Michael Haneke entwirft keine entrückte Sciene-Fiction-Welt, sondern rückt uns mit einer verschärften Post-Irgendwas-Version des Alltags auf den Leib. Das mit wenigen Mitteln oft immer noch mehr erreicht werden kann, dafür liefert Haneke in der Schlusseinstellung noch einmal einen Beweis, der erhaben als Plädoyer für einen filmischen Minimalismus am Ende dieses schlichten aber ergreifenden Films steht.
(Bundesstart: 1.1.2004)

zuerst erschienen in choices 1/04

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