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Archive for März, 2004

“Persepolis – Eine Kindkeit im Iran” von Marjane Satrapi

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Der arabische Lebensraum ist für gewöhnlich kaum Thema in Comics. Daher ist „Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ von Marjane Satrapi an sich schon ein Ereignis. Satrapi schildert in naiv anmutenden, kontrastreichen Zeichnungen ihre Kindheit im Iran – von der Unterdrückung durch den Schah bis zur Unterdrückung während der islamischen Revolution unter Khomeini und dem Iran-Irak-Krieg. Gar nicht bitter, sondern mit viel Humor bringt uns Satrapi die verzweifelte Lage der iranischen Bevölkerung nahe, die neben Repression und Tod aber immer auch Wege zum kleinen Glück – Feiern, Alkohol, Popmusik und sogar Poster von Iron Maiden – findet. Keine gewöhnliche Kindheit, in einem Land, dass aber nicht nur Fanatiker kennt. Ein zweiter Band „Jugendjahre“ ist in Planung.
(Edition Moderne)

“Böse Zellen” von Barbara Albert

Manu stürzt mit dem Flugzeug ab. Sie ist die einzige Überlebende des Unglücks. Sechs Jahre später verunglückt sie mit dem Auto. Sie ist die einzige Tote des Unfalls. Ihr soziales Umfeld lebt natürlich weiter. Zusammen, alleine – aber irgendwie anders als zuvor.

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„Böse Zellen“ ist eine Aneinanderreihung von locker montierten Szenen. Es Episoden zu nennen wäre zu hoch gegriffen. Es sind kurze Ereignisse: zwei Menschen treffen aufeinander, es wird geredet, geschlagen, gevögelt, gegessen, geschlafen, geweint. Oder: zwei Menschen treffen nicht aufeinander, ein Mensch bleibt alleine: es wird geschlafen, gegessen, geweint, vor sich hin gestarrt. Mit diesem ruhigen Reigen entfaltet sich eine Kartographie der verschiedenen Personen, die durch Manu direkt oder indirekt miteinander in Kontakt stehen. Die Kamera beobachtet ganz sachlich und nüchtern – fast vorsätzlich kühl, so kommt es einem vor – das Geschehen. Den Film durchweht ein kalter Luftzug, denn Wärme will sich trotz des offensichtlichen Wunsches aller Protagonisten zwischen den Menschen dauerhaft nicht einstellen. Warum das nicht? Weil, wenn das geschehen würde, ein Wunder in dieser Welt geschehen wäre. Glück und Liebe sind so kostbar wie sie selten sind – kleine Wunder. Oft greifbar nah, aber selten zu erreichen, geschweige denn lange zu halten.

In dieser Welt ist sogar die Liebe, geprägt von Abhängigkeitsverhältnissen, kälter als der Tod. Der Tod hingegen scheint ganz warm zu sein. Manchmal suggeriert die Kamera, wenn sie die hilflosen Wesen aus der Vogelperspektive in ihren kleinen Wohn-Zellen, die dann eher nach Gefängniszellen aussehen, etwas sensibler beobachtet, einen mitfühlenden Blick der Freundin, Mutter oder Ehefrau Manu. Gegen Ende, wenn Manus Freundin Andrea im Schneesturm sterben möchte, scheint die tote Manu sie anzuhauchen, ihr wieder Leben einzuhauchen und sie zu wecken. Diese Fantasie ist eine der wenigen tröstlichen des Films. Ansonsten wirft er einen mit unerbittlicher härte auf die Tatsache zurück, dass ein stabiles Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Glück durch nichts garantiert werden kann und dass alle Versuche der Kompensation – durch Kaufrausch, Sex oder Glauben – das nicht überspielen können. Es bleiben einem nur ein paar ganz kurze schöne Momente, kleine Wunder, wenn man sie denn bemerkt.
(Bundesstart: 1.4.04)

Zuerst erschienen in choices 04/04

“Blessing Bell” von Sabu

Eine Fabrik: die Arbeiter stehen vor verschlossenen Türen. Der ebenfalls entlassene Igarashi startet einen schweigsamen Marsch durch die Stadt und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen und gerät in die ungewöhnlichsten Situationen.
Ruhiges, kaleidoskopisches Gesellschaftsportrait

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Eigentlich kennt man Sabu – neben seiner Tätigkeit als Schauspieler für u.a. Takashi Miike – vor allem als Regisseur quirliger und stilistisch wechselhafter Yakuza-Filme. Mit seinem irrwitzigen Debut „D.A.N.G.A.N. Runner“ (´96) oder „Unlucky Monkey“ (´98) empfahl er sich als Meister der überraschenden wie kunstvollen Abschweifung. Sein neuer Film „Blessing Bell“ ist eine einzige, große Abschweifung. Insofern sind die Handlungs- und Stilbrüche hier wesentlich dezenter als in seinen früheren Filmen. Sabu selbst sagt, dass dieser Film vollkommen anders ist, als alles, was er bislang gemacht hat.

Igarashi streift, nachdem ihm gekündigt wurde, ziellos durch die Straßen der Stadt. Seine Wegstrecke ist der rote Faden, an dem die kleinen Geschichten des Films aufgezogen sind. Daher macht eine Nacherzählung des Plots wenig Sinn: „Blessing Bell“ erscheint mehr wie ein Episodenfilm, denn wie ein abendfüllender Spielfilm. Igarashi, engelsgleich, beeinflusst mit seiner stummen, passiven Präsenz Schicksale und führt Menschen zueinander (in einer solchen Nebenrolle ist als Hommage an Sabus großes Vorbild der Regisseur Seijun Suzuki zu sehen). Daneben ist die Ästhetik des Films das einzig verbindende Element zwischen den Szenen: Kameramann Masao Nakabori ist ein Meister des kunstvollen Bildausschnitts. Er lässt die häufig zu Stills eingefrorenen, langen Einstellungen zu einem Genuss werden. Man kann sich an den Bildern, die nicht selten wie eine Mischung der Inszenierten Fotografie eines Jeff Wall und dem überhöhtem Doku-Stil eines Andreas Gursky aussehen, kaum satt sehen. Und die Ruhe, die die Bilder ausstrahlen, lassen dem Zuschauer Zeit für kleine Meditationen zum Gesehenen.
Wenn schließlich der Manierismus des schweigenden Igarashi (gespielt von Susumu Terajima mit Buster Keaton’schem ‚stone face’) gegen Ende des Films droht, zu penetrant zu werden, zieht Sabu die Notbremse beziehungsweise legt im wörtlichen Sinn den Rückwärtsgang ein und endet dann mit einer befreienden, so geschwätzigen wie albernen Überraschung. Alleine für diese Szene muss man den Film lieben.
(Bundesstart: 11.3.04)

Zuerst erschienen in choices 03/04