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Archive for Mai, 2004

Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln

„Herr Crumb, warum tun sie sich das eigentlich an?“. So oder ähnlich hätte die abschließende Frage bei der Podiumsdiskussion im Museum Ludwig lauten können. Am Dienstagabend fand sich nach der Eröffnung seiner Ausstellung am 27. Juni der Comic-Künstler Robert Crumb ein zweites mal in Köln ein, um sich den Fragen des Kurators Alfred M. Fischer, des Direktors Kasper König und des Publikums zu stellen. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Filmbeitrag von Arte, der anlässlich der Ausstellung produziert wurde. Dort nahm man mit der Bemerkung, Crumb hätte es „längst zur Museumsreife gebracht“, das Scheitern des Gesprächs vorweg.
Die Institution Museum lässt sich nicht gerne ihre Hegemonialmacht in Sachen „Kunstwerk“ streitig machen. So merkte man den beiden Gastgebern ihre gönnerhafte Haltung an, Crumb ‚entdeckt’ und in ihren Tempel aufgenommen zu haben. Vergleiche mit Pieter Breughel, August Sanders und Philip Guston mussten herhalten, um Crumb Museumsreif zu machen, anderen, von Crumb geschätzten Produkten der Massenkultur wurde die Wertigkeit abgesprochen, denn die Kriterien für Qualität stellt immer noch der Kunstkenner auf – basta! Bei der Verteidigung der Macht über den Kunstdiskurs mittels Ausschließung wurde König richtig lebhaft.

Ganz im Gegensatz zu seinen beiden Gesprächspartnern, die vor allem die bereits auf der Vernissage zum Besten gegebenen Anekdoten zur Entstehung der Ausstellung kolportierten, war Crumb die ganzen 90 Minuten über sehr lebhaft und rettete den Abend mit seiner kecken Art und der frühen Motivation des Publikums, Fragen zu stellen. Denn nachdem er sich, dem eigentlichen Thema zuwendend, bei Fischer erkundigte, ob der mehr die Zeichnungen oder die Texte bei Comics beachte, und ihn somit nebenbei darauf hinwies, dass der Comic eine narrative Kunstform ist, war klar, dass von dieser Seite nicht mehr viel zu erwarten war – für Fischer sind es nur Zeichnungen. Das Publikum hingegen fragte im Folgenden interessiert nach den Reaktionen auf seine oft rassistischen und sexistischen Provokationen, nach seinen kreativen Schüben durch Drogen, nach seinen verlegerischen Problemen und seiner Stellung in und seine Sicht auf die gegenwärtige Comicszene.

Wer im Rahmen dieser Institution auf eine akademische Annäherung an Crumb gehofft hatte, wie man sie von einem Museum erwarten kann, wurde enttäuscht. Fragen zu Arbeitstechniken, Zeichenstil, Erzählweise oder Ideenfindung hätten von den Gastgebern kommen müssen. Die schienen aber mit dem Genre, in dem ihr Gast zu arbeiten Pflegt, nicht vertraut zu sein und konnten anscheinend auch nicht ihr Handwerkszeug auf den Comic übertragen. Auf die Idee, als weiteren Gast einen Comicexperten einzuladen, ist man jedoch nicht gekommen. So musste man sich wirklich fragen, warum Crumb sich das antut. Der jedoch war bester Laune, sehr ironisch und völlig frei vom Comic-üblichen Rechtfertigungszwang gegenüber der so genannten Hohen Kunst. Wie genau er es anstelle, witzige Comics zu machen, war eine der Fragen aus dem Publikum. Witzig sein sei gar nicht sein Ziel, antwortete Crumb. „Ich will zuallererst unterhalten“. Damit hat er auch diesen Abend gerettet.
Christian Meyer

„Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln: 28.5. – 12.9.2004.
Katalog: Robert Crumb: “Yeah, but is it art?”. Drawings and Comics. Museum Ludwig, Köln/ Verlag der Buchhandlung Walther König, 2004

Zuerst erschienen in taz- NRW

Ed Brubaker & Jason Lutes: Herbstfall

Jason Lutes arbeitet für gewöhnlich alleine, hat sich aber mit dem zeichnen dieses Intermezzos, das in den USA bereits 2001 erschienen ist, eine kurze Abwechslung gegönnt. Denn seit Jahren beschäftigt er sich schon mit dem akribisch recherchierten, ca. 600 Seiten umfassenden Historiencomic „Berlin“. Ein Projekt, das ihn voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre in Beschlag nehmen wird.

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Ed Brubaker, der Autor von „Herbstfall“, ist vor allem aus dem Superhelden- und Krimi-Kontext bekannt. Er nähert sich thematisch an den stets an individueller Psychologisierung der Personen interessierten Lutes an: „Herbstfall“ ist ein Psychothriller um einen jungen, desorientierten Slacker, der in einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt wird. Brubaker stellt auf spannende Art eine stimmungsvollen Kontrast zwischen den verwirrenden Ereignissen im Mordfall und dem etwas orientierungslosen Kirk her. Denn der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, arbeitet angeödet in einer Tankstelle und muss mit seinem langweiligen, aber neugierigen WG-Bewohner zurechtkommen. Im klassischen Thriller-Modus rutscht der unbescholtene Kirk aus seinem ziellosen Leben, hinein in die beängstigende Welt des Verbrechens.
Schnell lernt der Leser die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten kennen, ohne dass deren geheimnisvolle Aura verloren geht. Das ist gleichermaßen Brubakers wie Lutes Verdienst: Sie lassen einen mit dubiosen, die Story einleitenden Bildern regelrecht in die Geschichte stürzen, bis man sich wie Kirk, hastend in ihr verfängt. Die Story wird einerseits von den sich überschlagenden Ereignissen, andererseits von Lutes’ typischen, kleinen Panels schnell vorangetrieben. Mit seinem der ligne claire verwandtem, aber in Sachen Detailreichtum auf die Spitze getriebenem Stil, vermag er in wenigen Bildern auf eine Art klaustrophobische Gefühlswelten heraufzubeschwören, wie man es bereits von seinem Comicroman „Narren“ kennt.
Die Qualität dieser kleinen Geschichte wird allerdings dadurch etwas geschmälert, dass man gegen Ende deutlich das 48-Seiten Korsett spürt, in die sich die Autoren wohl fügen mussten. Das Ende erscheint wie im Zeitraffer und unsanft fällt man so schnell aus der Geschichte, wie man in sie hineingestürzt ist. So erscheint „Herbstfall“ zumindest im Falle Lutes mehr wie eine kleine Fingerübung eines Künstlers, der in größer angelegten Projekten seine Fähigkeiten besser zum Ausdruck bringen kann.

(Reprodukt, 48 Seiten, S/W, Softcover, 10 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 75, 06/04