Ed Brubaker & Jason Lutes: Herbstfall

Jason Lutes arbeitet für gewöhnlich alleine, hat sich aber mit dem zeichnen dieses Intermezzos, das in den USA bereits 2001 erschienen ist, eine kurze Abwechslung gegönnt. Denn seit Jahren beschäftigt er sich schon mit dem akribisch recherchierten, ca. 600 Seiten umfassenden Historiencomic „Berlin“. Ein Projekt, das ihn voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre in Beschlag nehmen wird.

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Ed Brubaker, der Autor von „Herbstfall“, ist vor allem aus dem Superhelden- und Krimi-Kontext bekannt. Er nähert sich thematisch an den stets an individueller Psychologisierung der Personen interessierten Lutes an: „Herbstfall“ ist ein Psychothriller um einen jungen, desorientierten Slacker, der in einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt wird. Brubaker stellt auf spannende Art eine stimmungsvollen Kontrast zwischen den verwirrenden Ereignissen im Mordfall und dem etwas orientierungslosen Kirk her. Denn der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, arbeitet angeödet in einer Tankstelle und muss mit seinem langweiligen, aber neugierigen WG-Bewohner zurechtkommen. Im klassischen Thriller-Modus rutscht der unbescholtene Kirk aus seinem ziellosen Leben, hinein in die beängstigende Welt des Verbrechens.
Schnell lernt der Leser die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten kennen, ohne dass deren geheimnisvolle Aura verloren geht. Das ist gleichermaßen Brubakers wie Lutes Verdienst: Sie lassen einen mit dubiosen, die Story einleitenden Bildern regelrecht in die Geschichte stürzen, bis man sich wie Kirk, hastend in ihr verfängt. Die Story wird einerseits von den sich überschlagenden Ereignissen, andererseits von Lutes’ typischen, kleinen Panels schnell vorangetrieben. Mit seinem der ligne claire verwandtem, aber in Sachen Detailreichtum auf die Spitze getriebenem Stil, vermag er in wenigen Bildern auf eine Art klaustrophobische Gefühlswelten heraufzubeschwören, wie man es bereits von seinem Comicroman „Narren“ kennt.
Die Qualität dieser kleinen Geschichte wird allerdings dadurch etwas geschmälert, dass man gegen Ende deutlich das 48-Seiten Korsett spürt, in die sich die Autoren wohl fügen mussten. Das Ende erscheint wie im Zeitraffer und unsanft fällt man so schnell aus der Geschichte, wie man in sie hineingestürzt ist. So erscheint „Herbstfall“ zumindest im Falle Lutes mehr wie eine kleine Fingerübung eines Künstlers, der in größer angelegten Projekten seine Fähigkeiten besser zum Ausdruck bringen kann.

(Reprodukt, 48 Seiten, S/W, Softcover, 10 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 75, 06/04