„Zatoichi – Der blinde Samurai“ von Takeshi Kitano

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Takeshi Kitano findet zurück zu alter Meisterschaft

Der blinde Samurai Zatoichi verdingt sich als Masseur. In einem kleinen Bergdorf trifft er auf die Ginzo-Gang, die gerade den Samurai Hattori als Leibwächter engagiert hat. Als das Unrechtsregime der Gang immer skrupelloser wird, greift der blinde Samurai ein und gibt zu erkennen, dass er ein ungewöhnlich guter Kämpfer ist …

Der japanische Autoren-Filmer Takeshi Kitano (Sonatine; Hana-Bi; Dolls) hat mit seinem elften Film erstmals eine fremde Vorlage verfilmt. Mit „Zatoichi“ greift er auf die populäre Kurzgeschichte des umherziehenden, blinden Samurais zurück, die in Japan von 1962 bis 1989 bereits durch eine Film- und Fernsehserie zu großer Bekanntheit gelangte. Die Referenzen sind noch vielfältiger: Natürlich denkt man bei dem Szenario um eine Stadt im Würgegriff einer Gang und fremde Befreier an Akira Kurosawas Klassiker „Die Sieben Samurai“ oder an dessen „Yojimbo“. Und man denkt bei den überzeichneten Gemetzel von Zatoichi mit absurd-witzigen Splattereffekten an Kenji Misumis Filmreihe „Okami“, deren Protagonist in den frühen 70er Jahren – ebenfalls gehandikapt – mit einem Kleinkind durch ein historisches Japan zieht. Takeshi Kitano hatte offensichtlich Freude daran, für seinen ersten Historienfilm die japanische Filmgeschichte zu plündern.
Trotz seiner Popularität in Japan durch seine vielfältigen Tätigkeiten als Sportreporter, Schauspieler, Schriftsteller, Komiker und Moderator von TV-Shows war Kitano als Regisseur immer ein Außenseiter. So sehr er sich immer wieder auf das klassische Yakuza-Thema einließ, so ungewöhnlich war sein Umgang damit: zugleich brutal und zärtlich, verspielt und streng, und im Finale immer vollkommen fatalistisch. „Zatoichi“ zeigt all diese Merkmale, doch hat eine kleine Akzentverschiebung enorme Wirkung: die Strenge verliert sich und die Hoffnung gewinnt! Überhaupt ist seine Interpretation des Zatoichi vollkommen neu: sein blonder Blinder ist nicht wie das Vorbild der gute Befreier, sondern eher ein verschlagener, exzentrischer Einzelgänger, der zwar für ‚das Gute’ eintritt, aber nicht wirklich zu ‚den Guten’ gehört bzw. Zugang zu ihnen findet.
Damit gibt es neben den deutlichen Parallelen zu seinem bisherigen Meisterwerk „Sonatine“ von 1993 auch Unterschiede. Beide Filme handeln von Gewalt und dem Versuch, aus der Gewaltspirale auszubrechen. Als positives Gegenbild tritt das Gute fröhlich, leicht und verspielt auf und kann der schlechten Welt kostbare Momente abtrotzen. Doch bislang war Kitano Realist genug, um zu wissen, dass die Utopie einer gewaltfreien Welt eben eine Utopie ist. Der Held bleibt in der Welt der Gewalt gefangen, geht mit ihr unter und reißt alles Glück und alle Liebe mit in den Abgrund. Bereits mit der Grundanlage der Figur Zatoichis tut sich eine Differenz zu „Sonatine“ auf, die folgenreich ist: Der unbesiegbare blonde Blinde erscheint von Anfang an als Karikatur. Entlang dieser Albernheit leistet sich Kitano, der nach eigener Aussage mit dem Dreh des neuen Films „eine der künstlerisch und kreativ befriedigendsten Erfahrungen“ seiner Karriere gemacht hat, noch weitere Albernheiten – ein wahrer Befreiungsschlag nach dem statischen Vorgänger „Dolls“: er lässt die Bauern am Wegesrand in einem rhythmischen Tanz zur Musik arbeiten, der unweigerlich an die Tanzszenen aus Lars von Triers „Dancer in the Dark“ erinnert. Er lässt tölpelhafte Figuren, vom Dorftrottel bis zum Bandenchef, auftreten und schließlich die Dorfbewohner in einem furiosen Finale, das seinesgleichen sucht, einen wilden und absolut ekstatischen Stepptanz aufführen, der jede historische Stoffgebundenheit des Films geflissentlich ignoriert. Der Zwiespalt des Protagonisten, der Gewalt entsagen zu wollen aber im Kampf dagegen immer in ihr zu verhaften, wurde selten in einem Film von Kitano so diskreditiert. Wenn einem klar ist, dass dieser Zwiespalt auch immer der Zwiespalt des Regisseurs selber ist, der eigentlich Liebe und Zärtlichkeit zeigen will, aber nicht von den Bildern der Gewalt lassen kann, dann hat sich Takeshi Kitano noch nie so sehr über sich selbst lustig gemacht, wie in diesem Film. Und wir dürfen – auch bei den Splatterszenen – mit ihm lachen.
(Bundesstart: 24.6.2004)

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