Seth: Eigentlich ist das Leben schön / Clyde Fans

Gleich zwei Comic-Romane des Kanadischen Zeichners Seth hat jetzt die Wuppertaler Edition 52 veröffentlicht. „It’s a good life if you don’t weaken“, vom Comics Journal als einer der 100 besten Comics des 20.Jhd. auserwählt, erschien bereits 1996 bei Drawn and Quarterly, nachdem die Geschichte zuvor in Seths Heftreihe „Palookaville“ seit Anfang der 90er Jahren veröffentlicht wurde. Der Titel der deutschen Ausgabe, „Eigentlich ist das Leben schön“, hängt ein wenig schief, da der fatalistische Tonfall etwas verloren geht. Der beherrscht jedoch die Gesamte Story um den Zeichner Seth, der sich auf die Suche nach dem vergessenen Cartoonisten Kalo macht. Seth erzählt damit gleich zwei Geschichten: Die (autobiographische) Geschichte des Zeichners Seth auf der Suche nach Kalo mit all den persönlichen Erlebnissen des Protagonisten, und die grob recherchierte Lebensgeschichte von Kalo. Die beiden Lebensentwürfe von Seth und Kalo – weniger freiwillige denn den Umständen geschuldete – kollidieren immer wieder. Während Kalo anscheinend nur ein kurzer Erfolg mit seinen Zeichnungen beschieden war und er später recht glücklich eine Familie gründete und ins Immobiliengeschäft einstieg, ist der Idealist Seth mehr oder weniger erfolgreich als Zeichner tätig, kämpft aber mit allgemeinen Beziehungsproblemen und Depressionen. Als Gesprächspartner tritt sein Freund Chet auf (unübersehbar der Kollege und Freund Chester Brown) mit dem er seine fatalistische Weltsicht diskutiert.

„Clyde Fans“ ist Seths aktuellste Story. Auch die Geschichte um zwei Brüder, die im Ventilatorengeschäft tätig sind, ist durchtränkt von Melancholie und Depression. Im ersten Teil blickt der alte Abraham, durch die geisterhaften und heruntergekommenen Räume des Betriebs streifend, auf die Geschichte des Firmenunternehmens und das Leben seines sensiblen Bruders Simon zurück. Im zweiten Teil erleben wir Simons verzweifelten Versuch, 1957 als Vertreter von Clyde Fans Fuß zu fassen, doch seine Depressionen und Ängste werden übermächtig.

Die Tatsache, das Seth im schönen, nur leicht expressionistisch angehauchten klassischen Ligne Claire-Stil arbeitet, transportiert bereits viel von der Thematik der Stories: in beiden Geschichten hadern die Hauptfiguren mit der Gegenwart, den Entwicklungen des modernen Lebens. Was in Clyde Fans noch nachvollziehbar die Haltung eines alten Mannes ist, ist in „Eigentlich ist das Leben schön“ die nostalgische Sehnsucht eines jungen Misanthropen, der droht, den Kontakt zur Welt zu verlieren. Hierin findet man eine Nähe zu Chris Wares ebenfalls autobiographisch inspiriertem „Jimmy Corrigan“. Beide wiederum – man vergleiche nur einmal die statischen Panels in den atmosphärischen Szeneüberleitungen– scheinen stark beeinflusst von den beklemmenden Bildern eines Edward Hopper, dessen Protagonisten ebenfalls von Angst und Depression in Angesicht einer kalten modernistischen Gesellschaft geprägt sind. Bei Seth wird die kühle Stimmung unterstrichen von den Blautönen in den zweifarbigen Zeichnungen.
Der Kulturpessimismus und Zynismus, der vor allem hinter „Eigentlich…“ bzw. dem Protagonisten Seth steckt, könnte auf Dauer etwas ermüdend sein. Doch zum einen merkt man, dass sich Seth in dieser Rolle selbst nicht wohl fühlt, zum anderen ist aber die Konsequenz, sich und die Welt derart Freudlos darzustellen, auch sehr faszinierend. „Clyde Fans“ beruhigt dann den etwas verzweifelten Leser wieder: hier ist das Gefühl der Nostalgie zwar noch etwas ausgeprägter, dafür scheint der Autor inzwischen ein wenig Liebe für seine Figuren entwickeln zu können. So geht einem das Schicksal von Simon wesentlich näher als das von Seth, der in den Diskussionen mit Chet und seinem Umgang mit Partnerinnen regelmäßig der Unsympath ist. Simons Absturz in die Depression im zweiten Teil von Clyde Fans ist hingegen regelrecht erschüttend und erreicht eine emotionale Tiefe, wie man sie von Ware kennt. Das (vorläufige?) Ende deutet Simons Glück im einfachen Leben als Postkartensammler an. Allerdings: auch dies eine hoffnungslos nostalgische Vorstellung.
(Eigentlich ist das Leben schön: 176 Seiten Softcover, Edition 52, 20 Euro
Clyde Fans: 160 Seiten, Softcover, 2-farbig, Edition 52, 20 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 3/04