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Archive for Oktober, 2004

Joann Sfar – Die Katze des Rabbiners / Joann Sfar – Professor Bell

Zwei neue Serien von Joann Sfar auf Deutsch

Es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen französischen und deutschen Comiczeichnern: erstens verkaufen die Franzosen wesentlich mehr Hefte (Sfars „Die Katze des Rabbiners“ wurde in Frankreich rund 250.000 verkauft); zweitens machen die Franzosen wesentlich mehr Hefte. Wirft man einen Blick auf die Bibliografien von Joann Sfar oder Kollege Trondheim, dann müssen die wohl rund um die Uhr und ausschließlich wie die Blöden zeichnen. Joann Sfar kann mit seinen 33 Jahren rund 90 Hefte, an denen er beteiligt war, vorweisen, die wenigsten davon – wie beispielsweise Sfars und Trondheims gemeinsames Großprojekt „Donjon“ – erscheinen auf Deutsch. Der ambitionierte Avant-Verlag hat sich jüngst daran gemacht, zwei weitere Serien von Sfar auf Deutsch zugänglich zu machen: „Die Katze des Rabbiners“ und „Professor Bell“ sind beides Reihen, die Sfar komplett alleine bestreitet.

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„Die Katze des Rabbiners“ erzählt aus der Sicht der Titelgebenden, sprechenden(!) Katze vom Leben eines Rabbiners und seiner Tochter im Algerien der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Dort prallt französischer Kolonialismus auf den Islam auf eine kleine jüdische Gemeinde. Sfar, der selber einen jüdischen Hintergrund hat, nutzt die märchenhafte Erzählweise, um humorvoll philosophisch-theologische Fragestellungen aufzuwerfen, aber auch Kolonialismuskritik anklingen zu lassen. Die Katze, frech und arrogant, kommentiert das Geschehen sehr respektlos und übernimmt den Part des alles hinterfragenden Skeptikers. Wenn die Katze im ersten Band mit den Rabbinern diskutiert, warum sie als jüdische Katze ein Recht auf ihre Bar- Mizwa hat, lernt man nicht nur einiges über das Judentum, sondern befindet sich mitten in einem urkomischen Religionsstreit. Und wenn im zweiten Band Juden und Islamisten streiten, dann bietet auch das reichlich Stoff für humoristische Einlagen. Und vor allem: niemand muss dabei sterben. Eine leicht ironische Haltung des Autors zu religiösen Fragen schimmert hier durch. Die Bilder sind farbenfroh, aber äußerst unruhig, Farblich vergleichbar mit dem plakativen, knallbunten Donjon-Stil, ist der wilde Strich verhuscht und nervös, und die Konturen wirken ähnlich verzerrt wie bei dem von ihm gezeichneten Zweiteiler „Petrus Grumbart“. Das entspricht der umtriebigen Art der erzählenden Katze, der Detailreichtum der Zeichnungen hat darunter allerdings überhaupt nicht zu leiden: Sfar hat ganz offensichtlich Spaß an dem vielfältigen, orientalischen Szenario.

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Das gilt in gleicher Weise für das britische Fin-de-Siècle-Ambiente bei „Professor Bell“. Die düstere Serie um den Lehrer von Sir Arthur Conan Doyle, der Pate für die Figur des Sherlock Holmes gestanden haben soll, zeigt den Professor etwas abgründiger und leicht depressiv und ist entsprechend in gedeckten Farben gehalten. Die Mischung aus Fien-de-Siècle, Kriminalfall und übersinnlichen Ereignissen erinnert nicht nur thematisch an Tardis „Adele“-Serie. Sfar hat wie jener offensichtlichen Spaß an überdrehtem, surrealem Humor und ist nie um eine haarsträubende Wendung verlegen: melancholische Geister, sprechende Geschwüre und lebende Tote sind da noch die kleineren Überraschungen. Das narrative Freigeistertum und die offensichtliche Freude an Splatter-Effekten bei „Professor Bell“ erinnert mal wieder an den „Donjon“, und man wundert sich wirklich, dass Sfar und seine Kollegen mit dem lockeren Umgang von Wahrscheinlichkeit und ihrem schnoddrig wirkenden, aber sicherlich arbeitsintensiven Zeichnungen beim Publikum ankommen und dafür auch noch, wie Sfar jüngst in Erlangen, ausgezeichnet werden. Es gibt eben nichts spannenderes, als die gelungene Überraschung auf der nächsten Heftseite…

(Die Katze des Rabbiners 1. Die Bar-Mizwa; 2. Malka, der Herr der Löwen. Je 48 Seiten, Farbe, Hardcover, Avant-Verlag, 14,95 € Professor Bell: 1. Der Mexikaner mit den zwei Köpfen. 46 Seiten, Farbe, Softcover, Avant-Verlag, 14,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 77, 12/04

“Bad Santa” von Terry Zwigoff

Der trunksüchtige Tresorknacker Willie T. Stokes ist Kaufhaus-Weihnachtsmann, sein kleinwüchsiger Kollege Marcus mimt den Kobold. Doch das alles ist nur Tarnung für ihre nächtlichen Raubzüge. Als ein kleiner, dicker Junge, der sich partout nicht davon abbringen lassen will, an den Weihnachtsmann zu glauben, auftaucht, wird’s kompliziert…

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Eine solche „Klamotte“ war von Terry Zwigoff nicht gerade zu erwarten. Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur machte bislang mit ganz anderen Filmen von sich reden: 1994 überraschte er Kritik und Publikum mit dem großartigen Dokumentarfilm „Crumb“ über Robert Crumb, die Ikone des US-amerikanischen Underground-Comics – der Film war seiner Zeit der dritterfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Auch sein nächster Film, der Spielfilm „Ghost World“, hatte mit Comics zu tun, handelte es sich doch um die gelungene Adaption von Daniel Clowes gleichnamigen Comic um das Leben zweier Mädchen in den öden Suburbs der USA. Clowes wird auch Co-Autor seines nächsten Films „Art School Confidential“ sein.

Bad Santa, sein aktueller, von den Coen-Brüdern produzierter Film, hat mit Comics nicht am Hut, es sei denn man charakterisiert die dort gezeigten Übertreibungen als ‚comichaft’. Billy Bob Thornton weiß als trunksüchtiger, fluchender und nicht zuletzt krimineller Weihnachtsmann zu überraschen. Spaß an der Übertreibung wird er beim Dreh gehabt haben: wenn er nicht versoffen in Bars rumhängt, sieht man den von ihm verkörperten Willie Stokes entweder fluchend mit kleinen Rotzlöffeln auf dem Schoß oder hintenüberkippend in seiner eigenen Kotze versinkend. Die zunächst verbalen, dann zunehmend körperlicher werdenden Gefechte zwischen Thornton und seinem kleinwüchsigen Partner Tony Cox sind herrlich derbe. Wenn sich dann noch der 8jährige Brett Kelly als der unbeirrt an den Weihnachtsmann glaubende Thurman zu diesem ungleichen Paar gesellt, ist das an Absurdität kaum zu überbieten. Es ist etwas gemein, aber Kelly kassiert als kleiner, dicker, rothaariger Junge alleine schon mit seinem Aussehen reichlich Lacher. Wenn er dann noch in unnachahmlicher Beharrlichkeit wider alle Bösartigkeiten des Gegenübers mit treudummem, bewegungslosem Gesichtsausdruck Stokes anstarrt, ist das an Komik kaum zu überbieten. Trotz aller Exzentrik gibt es aber auch bei Zwigoff eine Art Happy-End – es ist ja schließlich ein Weihnachtsfilm.
(Bundesstart: 18.11.04)

Zuerst erschienen in choices 11/04