Joann Sfar – Die Katze des Rabbiners / Joann Sfar – Professor Bell

Zwei neue Serien von Joann Sfar auf Deutsch

Es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen französischen und deutschen Comiczeichnern: erstens verkaufen die Franzosen wesentlich mehr Hefte (Sfars „Die Katze des Rabbiners“ wurde in Frankreich rund 250.000 verkauft); zweitens machen die Franzosen wesentlich mehr Hefte. Wirft man einen Blick auf die Bibliografien von Joann Sfar oder Kollege Trondheim, dann müssen die wohl rund um die Uhr und ausschließlich wie die Blöden zeichnen. Joann Sfar kann mit seinen 33 Jahren rund 90 Hefte, an denen er beteiligt war, vorweisen, die wenigsten davon – wie beispielsweise Sfars und Trondheims gemeinsames Großprojekt „Donjon“ – erscheinen auf Deutsch. Der ambitionierte Avant-Verlag hat sich jüngst daran gemacht, zwei weitere Serien von Sfar auf Deutsch zugänglich zu machen: „Die Katze des Rabbiners“ und „Professor Bell“ sind beides Reihen, die Sfar komplett alleine bestreitet.

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„Die Katze des Rabbiners“ erzählt aus der Sicht der Titelgebenden, sprechenden(!) Katze vom Leben eines Rabbiners und seiner Tochter im Algerien der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Dort prallt französischer Kolonialismus auf den Islam auf eine kleine jüdische Gemeinde. Sfar, der selber einen jüdischen Hintergrund hat, nutzt die märchenhafte Erzählweise, um humorvoll philosophisch-theologische Fragestellungen aufzuwerfen, aber auch Kolonialismuskritik anklingen zu lassen. Die Katze, frech und arrogant, kommentiert das Geschehen sehr respektlos und übernimmt den Part des alles hinterfragenden Skeptikers. Wenn die Katze im ersten Band mit den Rabbinern diskutiert, warum sie als jüdische Katze ein Recht auf ihre Bar- Mizwa hat, lernt man nicht nur einiges über das Judentum, sondern befindet sich mitten in einem urkomischen Religionsstreit. Und wenn im zweiten Band Juden und Islamisten streiten, dann bietet auch das reichlich Stoff für humoristische Einlagen. Und vor allem: niemand muss dabei sterben. Eine leicht ironische Haltung des Autors zu religiösen Fragen schimmert hier durch. Die Bilder sind farbenfroh, aber äußerst unruhig, Farblich vergleichbar mit dem plakativen, knallbunten Donjon-Stil, ist der wilde Strich verhuscht und nervös, und die Konturen wirken ähnlich verzerrt wie bei dem von ihm gezeichneten Zweiteiler „Petrus Grumbart“. Das entspricht der umtriebigen Art der erzählenden Katze, der Detailreichtum der Zeichnungen hat darunter allerdings überhaupt nicht zu leiden: Sfar hat ganz offensichtlich Spaß an dem vielfältigen, orientalischen Szenario.

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Das gilt in gleicher Weise für das britische Fin-de-Siècle-Ambiente bei „Professor Bell“. Die düstere Serie um den Lehrer von Sir Arthur Conan Doyle, der Pate für die Figur des Sherlock Holmes gestanden haben soll, zeigt den Professor etwas abgründiger und leicht depressiv und ist entsprechend in gedeckten Farben gehalten. Die Mischung aus Fien-de-Siècle, Kriminalfall und übersinnlichen Ereignissen erinnert nicht nur thematisch an Tardis „Adele“-Serie. Sfar hat wie jener offensichtlichen Spaß an überdrehtem, surrealem Humor und ist nie um eine haarsträubende Wendung verlegen: melancholische Geister, sprechende Geschwüre und lebende Tote sind da noch die kleineren Überraschungen. Das narrative Freigeistertum und die offensichtliche Freude an Splatter-Effekten bei „Professor Bell“ erinnert mal wieder an den „Donjon“, und man wundert sich wirklich, dass Sfar und seine Kollegen mit dem lockeren Umgang von Wahrscheinlichkeit und ihrem schnoddrig wirkenden, aber sicherlich arbeitsintensiven Zeichnungen beim Publikum ankommen und dafür auch noch, wie Sfar jüngst in Erlangen, ausgezeichnet werden. Es gibt eben nichts spannenderes, als die gelungene Überraschung auf der nächsten Heftseite…

(Die Katze des Rabbiners 1. Die Bar-Mizwa; 2. Malka, der Herr der Löwen. Je 48 Seiten, Farbe, Hardcover, Avant-Verlag, 14,95 € Professor Bell: 1. Der Mexikaner mit den zwei Köpfen. 46 Seiten, Farbe, Softcover, Avant-Verlag, 14,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 77, 12/04

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