Joel Andreas: Süchtig nach Krieg. Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen.

Es mutet an wie die Comic-Version eines Films von Michael Moore: Joel Andreas Sachcomic „Süchtig nach Krieg“ ist eine profunde Sammlung an Zahlen und Fakten zum US-amerikanischen Imperialismus seit der Gründung der Staatenunion, die an ironischen Spitzen nicht spart. Doch wo man einem Film wie „Super Size Me“ durchaus das Michael Moore Syndrom unterstellen kann, muss man bei Andreas Sachcomic vom Vorwurf des Epigonentums Abstand nehmen, da der Band bereits 1992 erstmals anlässlich des ersten Irak-Krieges erschienen ist. Zehn Jahre später wurde das Album anlässlich des Afghanistan-Krieges aktualisiert. Nach dem zweiten Irakkrieg fügte Andreas im Frühling 2004 nochmals eine Ergänzung hinzu. Auf dieser letzten Fassung basiert die erste deutsche Übersetzung.
„Süchtig nach Krieg“ ist weniger als ästhetisches Kunstwerk von Interesse, denn es handelt sich hier überwiegend um bebilderte Texte, die allerdings in Panels gegliedert sind. Die Zeichnungen sind schlicht und erinnern an Cartoons in Schulbüchern. Damit ist der didaktische Anspruch offensichtlich und das Album steht deutlich mehr in der Tradition von illustrierten Büchern oder politischen Cartoons denn von neuzeitlicher Comic-Kunst. Man will wohl über diese leicht zu konsumierende Form eine große Zahl an Lesern, vor allem Schülern erreichen – ein durchaus akzeptables Ziel.

Die Fülle an Informationen ist dennoch erschlagend: Andreas liefert zu Beginn einen fundierten Abriss der kolonialistischen Bestrebungen der USA bis in die heutige Zeit, bevor er in einzelnen Kapiteln die Verwicklungen von Politik, Militär, Wirtschaft und Medien beschreibt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Sozialpolitik der USA. Damit macht er schnell klar, weshalb der Untertitel „Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen“ lauten muss. Nicht können statt nicht wollen! Denn die beschriebenen Strukturen lassen längst keine freie Entscheidung mehr zu: zwischen eigenem Selbstbild und kapitalistischer Notwendigkeit könnte auch ein moderater Präsident nur in Nuancen anders handeln. Das ist keine schöne Erkenntnis, zeigt aber klar und schonungslos die strukturellen Zusammenhänge der US-Politik. Vorwürfe bzgl. eines etwas einseitigen Anti-Amerikanismus bedient der Comic sicherlich. Der Verlag Zweitausendeins ist ja bekannt dafür und die Gefahr, schnell auch beim Anti-Zionismus zu landen ist groß – es ist kein Zufall, dass gerade Zweitausendeins auch Joe Saccos großartige Comic-Reportage „Palästina“ veröffentlicht hat. Nichts desto Trotz sind dies Wahrheiten, die benannt werden sollten. Die Gefahr, sich dabei auch falsche Freunde zu machen, gibt es immer. Die das fürchten, können dem ja Comics über palästinensische Terrorakte oder die Deutsche Machtpolitik entgegensetzen. Die eigene Meinung muss man sich immer aus verschiedenen Quellen zusammenbasteln.
(Zweitausendeins. 76 Seiten, S/W, Softcover, 7,50Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 77, 04/04