Georg Seeßlen und Lutz Dammbeck über „Das Netz“

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Kampf der Systeme: Der Filmkritiker Georg Seeßlen und der Regisseur Lutz Dammbeck diskutierten im Museum Ludwig über Verbindungen von militärischer Forschung und der künstlerischen Gegenkultur der 60er Jahre …

„Wie kommen Computer, LSD und Hippies zueinander“, wurde die Grundfrage des Films „Das Netz“ am Samstagabend in einer Diskussion im Kino des Museum Ludwig rekapituliert. Der Dokumentarfilm „Das Netzt – Unabomber, LSD und Internet“ kommt am 13.1. bundesweit in die Kinos. Im Museum Ludwig war er als Preview zu sehen. Anschließend diskutierten der Regisseur Lutz Dammbeck und der Filmkritiker und Medienanalyst Georg Seeßlen, der sich in der taz vom Samstag bereits zu „Das Netz“ geäußert hatte, mit dem Publikum über den Film.
Seeßlen prophezeite zur Überraschung des zahlreichen Publikums nach einer spannenden Filmvorführung eine eher langweilige Diskussionsrunde: er könne wenig kritischen Stoff liefern, sei Fan des Regisseurs. Denn der Film entspreche seinen Kriterien für einen guten Dokumentarfilm: Im Ergebnis offen, das filmische Subjekt sichtbar, decke der Film seine eigene Methode auf. Aber Seeßlens versöhnlicher Tonfall bestimmte die Diskussion nicht lange, kritischer zeigte sich das Publikum: Dammbeck musste sich den Vorwurf gefallen lassen, viele Themen in seinem Film nur tendenziös anzureißen, andere zu vernachlässigen.
Der Regisseur konterte damit, dass er „etwas offenes anbieten“ wolle, weil er schließlich auch offene Systeme reflektiere. Er wolle mit seinem Film der Verquickung von Kunst und Technologie in den 50er und 60er Jahren nachspüren und aufzeigen, wie „Computer durch Kunst einen nicht-militärischen Anstrich bekamen“. Dammbecks Dokumentation erforscht die Zusammenhänge von Wissenschaft, Militär, Kunst und Gegenkultur in den USA der Nachkriegszeit. Er zeichnet eine Vernetzung der verschiedenen Wissens- und Machtsysteme, von der militärisch geprägten Geburt der Computertechnologie über die LSD-Versuche der Regierung bis zur Entstehung der Gegenkultur der 60er Jahre mit ihren Drogentrips und den ersten Computerhackern. Und er skizziert die Spaltung der Protagonisten der Hippie-Ära in Technologie-Befürworter und Technologie-Gegner. So stieß er von der an Multimedia und Kybernetik interessierten Wissenschafts- und Kunstelite, die Konstruktivistisch „an die Möglichkeit, eine andere Welt herzustellen“ glaubte, auf die ähnlich utopistisch ausgerichtete Gegenkultur der 60er Jahre. Dort war auch Platz für einen Aussteiger wie den so genannten Unabomber Ted Kaczynski. Der ehemalige, hochbegabte Mathematikprofessor ging den Weg der Technologie-Gegner radikal bis zu Bombenanschlägen mit Todesopfern.
Gegen Ende einer etwas unsortierten Diskussion beschreibt Seeßlen die Entscheidung zwischen Technik und Natur in der Hippiebewegung gar als unauflöslichen „Kampf der Systeme“, wo Ereignisse wie „Dylan-hat-die-Gitarre-eingestöpselt“ zur Glaubensfrage wurden. Seeßlens filmtheoretische Erkenntnis wirkte da wie ein Analyse der Unvereinbarkeit von Publikum und Regisseur: „Man schafft sich Instrumente und erschafft sich damit eine Welt“. An diesem Abend kollidierten offensichtlich unversöhnliche Wissenssysteme – hier poetischer Dokumentarfilm, dort sachliche Information – aufeinander.

Der Film: Lutz Dammbeck – Das Netz (Bundesstart: 13.1.2005).
Das Buch: Lutz Dammbeck – Das Netz. Die Konstruktion des Unabombers“ (Edition Nautilus; ISBN 3-89401-453-9)
Die Webseite: Das N-E-T-Z