heim post abo

Archive for April, 2005

Lorenzo Mattotti: Briefe aus ferner Zeit

Das Album versammelt vier Kurzgeschichten, darunter zwei sehr knappe mit jeweils 2- und 4-Seiten. Die Geschichten kreisen um die Themen Liebe und Erinnerung, stets sehr symbolhaft und ausgeschmückt in allegorischen Bildern. Wartende auf dem Flughafen, reisende im Zug – das sind die Ausgangspunkte für Meditationen über die Liebe in der Ferne, trotz der Ferne, wegen der Ferne, auch mal ohne Nähe.

Mattotti Briefe.jpg

Die Entstehung von Mattottis jüngstem Werk „Briefe aus ferner Zeit“ konnte man bereits Anfang des Jahres in einer Folge einer 7-teiligen Comic-Serie auf Arte mitverfolgen. Dort wurde Mattotti bei der Arbeit zu dem Album über die Schulter geschaut und die Ansicht, die meisten seiner Panels könnten auch als eigenständige Gemälde funktionieren, bestätigt: einige sind oder werden leicht umgearbeitet tatsächlich Gemälde, und da der Text häufig am Rand des Bildes angeordnet ist, unterscheiden sie sich auch kaum von Mattottis ausschließlich als Gemälde konzipierten Bildern.

Doch hat „Briefe aus ferner Zeit“ eine nähere Bindung an das Genre des klassischen Comics als man zunächst, bei aller Gemäldehaftigkeit der Bilder, meinen könnte. Viele Panels kommen ohne Sprechblasen aus, manche lassen sogar die Textbegleitung ganz missen, aber Sprechblasen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in Mattottis Arbeit. Und mit der Titelgeschichte widmet er sich nicht nur einem im Comic präsenten Genre, der Science Fiction, sondern fährt auch zitatenhaft Abenteuercomics eines gewissen Lucio Mazzotti (daraus darf man wohl eine Anspielung auf Mattotti lesen) auf. Allerdings wird dem Verweis dann wieder ein romantisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert entgegen gesetzt. Mattotti macht es sich mit seiner narrativen, an Francis Bacon aber auch Neue Sachlichkeit erinnernden Kreidemalerei eben immer zwischen beiden Stühlen gemütlich: Kunst und Comic gut durchmischt.
(Schreiber & Leser, 64 Seiten, Farbe, Hardcover, 19,95€)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

Hanco Kolk: Club Paradise

Der niederländische Comic-Künstler und Illustrator Hanco Kolk ist vor allem durch seine franco-belgischen Funnies bekannt. Und in der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde er bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft. Doch von all dem weiß man als deutschsprachiger Comicfan – des Niederländischen nicht mächtig – wenig. Auf Deutsch sind von ihm bislang nämlich nur die ersten beiden Alben seiner Mini-Serie „Meccano“ erschienen. Und die zeigen ein ganz anderes Bild des Zeichners: kunstvolle Abstraktionen mit abgründigen Untertönen erwarten hier den Leser.

Kolk.jpg

Diesem Stil entspricht auch Kolks neues Werk, das auf Englisch erscheinende Album „Club Paradise“. War es bei „Meccano“ vor allem der Zeichenstil, der Aufmerksamkeit erregte, ist es bei „Club Paradise“ das Konzept. Die Story spielt sich nur auf den rechten Seiten des Heftes ab: Ein Zeichner – offensichtlich Kolk selbst – reist in die USA, um neue Erwerbsmöglichkeiten aufzutun. Schlechtes Timing, wie er selbst bemerkt, denn es ist Mitte Oktober 2001, und die Stadt liegt noch im Terror-Trauma. Da ist mit gezeichneten Gags nicht gut Geld verdienen. Also hängt er in Cafés und Bars rum, beobachtet die Leute, macht Skizzen, landet schließlich in einem Strip-Club, macht auch dort Skizzen, recherchiert unter den Tänzerinnen für eine Story und kommt so schließlich zu dem vorliegenden Album.
Kolk erzählt – wie gesagt: nur auf den rechten Seiten –die Geschichte in lakonischen und selbstironischen Texten und Bildern ohne Rahmung. Mal sind zwei bis drei kleinere Zeichnungen locker auf einer Seite angeordnet, mal nur eine einzige. Die Comic-Strip artigen Figuren sind stark stilisiert und in nur wenigen, stark konturierenden Strichen angedeutet. Dahinter liegen jeweils größere, sich teilweise über die gesamte Seite erstreckende farbige Skizzen in raschen, groben Strichen, die als die Skizzen des Protagonisten zu deuten sind. Dadurch erfährt die Erzählung eine atmosphärische Ergänzung, die die Geschichte aus der Comic-Strip-Ästhetik heraushebt. Dass auf der jeweils linken Seite des Albums zudem eine große Zeichnung von je einer der Tänzerinnen des Titel gebenden Clubs zu sehen ist (Picasso überdeutlich als großes Vorbild), ergänzt die kurzweilige Geschichte um eine Katalog ähnliche Bildersammlung.
(Oog en Blik Editions, Farbe u. S/W, Softcover, 56 Seiten, 19,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

“Nobody Knows” von Hirokazu Kore-Eda

nobody-knows.jpg

Das Leben – ein Kinderspiel?

Keiko lebt mit ihren vier Kindern in Tokio in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kinder haben allesamt verschiedene Väter, und auch jetzt noch führt ihre Mutter ein unstetes Leben. So bleibt sie auch mal einen Monat weg, während sich der älteste Sohn um die Geschwister kümmert. Dann kommt Keiko gar nicht mehr nach Hause …

lesen »

M.I.A.: “Arual”

 mia-arular.jpeg

Das Debut von Maya Arulpragasam wurde bereits im Vorfeld hoch gehandelt, und die überdrehte Stimmung auf „Arual“ entspricht der Aufregung voll und ganz …   lesen »