Lorenzo Mattotti: Briefe aus ferner Zeit

Das Album versammelt vier Kurzgeschichten, darunter zwei sehr knappe mit jeweils 2- und 4-Seiten. Die Geschichten kreisen um die Themen Liebe und Erinnerung, stets sehr symbolhaft und ausgeschmückt in allegorischen Bildern. Wartende auf dem Flughafen, reisende im Zug – das sind die Ausgangspunkte für Meditationen über die Liebe in der Ferne, trotz der Ferne, wegen der Ferne, auch mal ohne Nähe.

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Die Entstehung von Mattottis jüngstem Werk „Briefe aus ferner Zeit“ konnte man bereits Anfang des Jahres in einer Folge einer 7-teiligen Comic-Serie auf Arte mitverfolgen. Dort wurde Mattotti bei der Arbeit zu dem Album über die Schulter geschaut und die Ansicht, die meisten seiner Panels könnten auch als eigenständige Gemälde funktionieren, bestätigt: einige sind oder werden leicht umgearbeitet tatsächlich Gemälde, und da der Text häufig am Rand des Bildes angeordnet ist, unterscheiden sie sich auch kaum von Mattottis ausschließlich als Gemälde konzipierten Bildern.

Doch hat „Briefe aus ferner Zeit“ eine nähere Bindung an das Genre des klassischen Comics als man zunächst, bei aller Gemäldehaftigkeit der Bilder, meinen könnte. Viele Panels kommen ohne Sprechblasen aus, manche lassen sogar die Textbegleitung ganz missen, aber Sprechblasen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in Mattottis Arbeit. Und mit der Titelgeschichte widmet er sich nicht nur einem im Comic präsenten Genre, der Science Fiction, sondern fährt auch zitatenhaft Abenteuercomics eines gewissen Lucio Mazzotti (daraus darf man wohl eine Anspielung auf Mattotti lesen) auf. Allerdings wird dem Verweis dann wieder ein romantisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert entgegen gesetzt. Mattotti macht es sich mit seiner narrativen, an Francis Bacon aber auch Neue Sachlichkeit erinnernden Kreidemalerei eben immer zwischen beiden Stühlen gemütlich: Kunst und Comic gut durchmischt.
(Schreiber & Leser, 64 Seiten, Farbe, Hardcover, 19,95€)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05