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Archive for Oktober, 2005

The Residents: Mark Of The Mole / Intermission & The Tunes Of Two Cities / The Big Bubble

Die Mole-Trilogie der Residents, jene unvollständig gebliebene Konzept-Reihe um den Kulturclash zweier Völker, wird in zwei opulent gestalteten Doppel-CD’s wieder veröffentlicht.

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Von 1981 bis 1985 werkelte das mysteriöse Avantgarde-Quartett aus San Francisco an der mythischen Geschichte um die arbeitsamen Moles und die hochkulturellen Chubs, die nach einem Krieg sich duldend zusammenleben. „Mark of the Mole“ erzählt die Geschichte der beiden Völker, während „The Tunes of two Cities“ die beiden Musikstile der Völker präsentiert. „The Big Bubble“ ist schließlich ein fingiertes Album der gleichnamigen Band, die aus Mischlingen beider Völker, den so genannten „Cross“, besteht. Sie sollen für die neu erwachte Identität der Moles einstehen (die Platte „Intermission“ enthält die zusätzlichen Stücke der Live-Präsentation der Mole-Show).

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Klingt nach haarsträubendem Fantasie-Kitsch, ist aber ein zugleich witziges wie ernstzunehmendes Konzept, das die Residents mit düsteren archaischen und industriellen Sounds und ihrem unvergleichlichen Avantgarde-Humor umgesetzt haben. Beide Doppel-CD’s enthalten ein Booklet mit vielen Texten und Fotos.
(beide Mute, VÖ: 18.11.2005)

“Bob Dylan – No Direction Home” von Martin Scorsese (DVD)

Schließlich hat sich kein Geringerer als Martin Scorsese des Themas annehmen müssen – wenn’s kein anderer macht:

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Bob Dylans Aufstieg vom Folk-Sänger der Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er Jahre zu einem der bedeutendsten Musiker der Popgeschichte. Scorsese erzählt in „No Direction Home“ über 200 Minuten mittels Originalaufnahmen und Interviews von Weggefährten und Dylan selbst den Aufstieg und endet bereits mit dem legendären Newcastle-Auftritt von 1966, wo Bob Dylan die E-Gitarre einstöpselt und vom Publikum beschimpft wird. Doch ging’s erst richtig los… Inklusive zahlreicher Konzertmitschnitte von 1963-66.
(Paramount, VÖ: 10.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

“Das Kind” von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Dicht dran

Bruno ist Anfang 20 und schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben. Seine Freundin Sonja hat gerade den gemeinsamen Sohn Jimmy zur Welt gebracht. Als Bruno mal wieder Geld fehlt, kommt ihm die Idee, das Baby zu verkaufen.

Von Anbeginn ihrer Karriere als Regisseure beschäftigen sich die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit sozialen Außenseitern. Erfolg haben sie damit erst seit ein paar Jahren. Das liegt daran, dass sie bis Ende der 80er Jahre fast ausschließlich im wenig publicityträchtigen Bereich des Dokumentarfilms gearbeitet haben. In ihren Filmen – in den 70er Jahren zunächst auf Video gedrehte Reportagen, später auch lange Dokumentarfilme – haben sie sich den Problemen der Arbeiter in der belgischen Industrieregion Wallonien, der Heimat der Dardennes, gewidmet. Mit den Problemen der Menschen am sozialen Rand der Gesellschaft beschäftigen sie sich bis heute – nur ist es seit den 90er Jahren das Terrain des Spielfilms, auf dem sie sich bewegen. Ihre Erfahrung als sozial engagierte Dokumentarfilmer wirkt sich allerdings nach wie vor auf ihre Filme aus – und macht sie so einzigartig.

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Schlicht, aber nicht einfach

„Das Kind“ ist ein unauffälliger Film. Die Ästhetik tritt vollkommen hinter die Geschichte um die ungewöhnliche Kleinfamilie zurück. Als ständiger Beobachter verfolgt die Kamera die Protagonisten. Beobachtet, wie sie sich in ihrer Umwelt bewegen und wie sie miteinander umgehen. Dabei bleibt sie stets unauffällig im Hintergrund, wird weder selber Protagonist noch ist sie sichtbar Teil eines ästhetischen Programms. Das war beim Vorgänger der Brüder, dem eindrucksvollen Film „Der Sohn“, anders: hier schlich die Kamera lauernd um die beiden Hauptdarsteller herum, rückte ihnen gefährlich nah, um sie auch ja keinen Moment aus den Augen zu lassen. Das entsprach exakt dem Verhältnis der beiden Figuren, die sich während des gesamten Films misstrauisch belauern.

In „Das Kind“ wird der Protagonist Bruno scheinbar sachlich beobachtet. Bei seinen kleinen Gaunereien, die er mit Hilfe einiger Teenager durchführt, beim Weg zu seinem Unterschlupf an der Ausfahrtstraße, den er nutzt, wenn er die Wohnung aus Geldnot untervermietet, bei nächtlichen Deals. Das wirkt zunächst wie ein wenig durchdachtes ‚abfilmen’. Aber das ist es natürlich nicht. Die Nähe und Intensität, mit der die Dardennes ihren Figuren folgen, verrät auch eine starke Zuneigung. Man glaubt es kaum: Diesem Typ, der mit dem Geld – wenn etwas da ist – gedankenlos um sich schmeißt, um einen Sportwagen für einen Tag zu mieten oder eine teure Lederjacke zu kaufen, aber nicht für seine Freundin oder sein Kind sorgen kann, soll man Zuneigung entgegenbringen? Es fällt schwer, aber gerade die intensive Beobachterhaltung ermöglicht es den Dardennes und durch sie auch dem Zuschauer, den Protagonisten nicht zu verurteilen.

Nah am Menschen

Die reservierte Zuneigung der Dardennes für Bruno zeigt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Films, als Bruno nach der ungeheuerlichen Tat, das eigene Kind zu verkaufen, und nach Sonjas Zusammenbruch merkt, dass er einen großen Fehler begannen hat und ihn wieder gut machen will. Mit „wir können ja ein Neues machen“, wie er seiner Freundin vorschlägt, ist es aber nicht getan. Also jagt er durch seine Heimat, eine ärmliche Industriestadt mit heruntergekommenen Arbeitersiedlungen, desolaten Industriegeländen und Gewerbegebieten voller leerer Versprechungen, um sein Versprechen, das Baby wieder zu holen, trotz aller Widerstände einzulösen. Die Dardennes bleiben Bruno bei all dem dicht auf den Fersen und spüren damit all die inneren Zwiespälte dieser Person auf.

Der Stil der Brüder Dardenne ist minimalistisch, ohne der Gefahr zu erliegen, dem Konzept des Minimalismus die eigenen Figuren zu opfern. Wenn man genau hin sieht, merkt man, dass dem vermeintlich schlichten Beobachten, dem einfachen Abfilmen meist perfekt arrangierte Einstellungen zu Grunde liegen, die sehr geschickt diese große Nähe zu den Figuren herzustellen wissen. Dass man diese inszenatorischen Kunstgriffe aber kaum wahrnimmt, ist die große Kunst dieser beiden Regisseure.
(Bundesstart: 17.11.2005)

Zuerst erschienen in choices 11/05

“The Cremaster Cycle” von Matthew Barney

Barocker Kunst-Horror:
Fünf Filme, die dem Künstler Matthew Barney die Möglichkeit geben, Performance, Skulptur und Landart im Format des Kinos zu vereinigen. Ein Bildgewaltiges Filmkunst-Experiment.

Knapp 400 Minuten umfasst der Filmzyklus des Künstlers Matthew Barney. Aber das sollte den wagemutigen Kinogänger nicht abschrecken, tief in dessen verwirrenden Kosmos einzutauchen. Nachdem die fünf Filme des Zyklus bereits vor drei Jahren in Köln im Rahmen der Matthew Barney Ausstellung im Museum Ludwig zu sehen waren, tourt das Werk nun erstmals durch die normalen Kinos des Landes, wo die Filme einzeln als auch in einer Gesamtschau (sehr zu empfehlen, wenn man etwas Ausdauer hat) zu sehen sein werden.

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Barneys um den Prozess der biologischen Geschlechtsfindung in der embryonalen Phase kreisendes Werk ist sehr frei an charakteristischen und spektakulären Orten angesiedelt: einem Football-Stadion, einem Salzsee, einem Gletscher, dem Chrysler Building, dem Guggenheim Museum in New York und anderen. Ebenso frei werden in das Grundthema mythologische Stoffe, historische Ereignisse und symbolhafte Handlungen eingewoben. Barney, der neben einigen anderen Darstellern wie Richard Serra oder Norman Mailer in fast allen Filmen präsent ist, scheint auf diese Weise die unterschiedlichsten Handlungsstränge frei miteinander zu assoziieren.

Diesen Assoziationen kann man ohne vorherige Lektüre sicherlich nicht immer folgen. Das macht aber nichts, denn die filmisch spektakuläre Gestaltung bietet in diesem fast dialogfreien Film dem Zuschauer wiederum reichlich Gelegenheit, seinen eigenen Assoziationen freien Lauf zu lassen. Beeindruckend sind solche Szenen wie das Solo des Ex-Slayer Drummers Dave Lombardo zu dem Summen eines Bienenschwarms, begleitet vom Grindcore-Gegrunze des mit Bienen übersäten Steve Tucker von Morbid Angel (Cremaster 2) ebenso wie die im klassischen Musical-Stil arrangierten Tanzszenen (Cremaster 1) oder eine Massenkarambolage alter Chrysler-Limousinen im Foyer des Chrysler Buildings (Cremaster 3). Und die überall auftauchenden Skulpturen Barneys, die die Filme zu einer Mischung aus Performance-Kunst, Skulptur und Kino machen, sind in all ihrer barocken Dekadenz und Überdrehtheit eine Augenweide: Paul McCarthy (in Bezug auf fiese Körperflüssigkeiten und historische Referenzen) plus Vanessa Beecroft (in Sachen Style) hoch drei.
(Bundesstart: 6.11.2005)

Zuerst erschienen in choices 11/05

The Orb: Okie Dokie it’s The Orb on Kompakt

Erst mal 3 goldene Hamster für den Plattentitel! Aber auch musikalisch können The Orb, das permanent im Personalkarussell befindliche Elektronik-Projekt von Alex Paterson, nach 15 Jahren immer noch oder wieder überzeugen.

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Zur Zeit weiterhin als Duo mit Thomas Fehlmann (Palais Schaumburg, Ocean Club) unterwegs, schlendert das Album zwischen leicht shuffelnden, dubigen Tracks, ambienten Stimmungen und auch richtig tanzbaren Stücken hin und her. Immer irgendwie entspannt und auf eine unstaubige Art auch undramatisch altersweise. Das kann man im Techno ja bereits mit Ende 40 werden.
(Kompakt; VÖ: 31.10.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

“Wir waren niemals hier” von Antonia Ganz

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„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

Slum Village: s/t

Das fünfte Album von Slum Village kann den hohen Erwartungen an die Detroiter Crew, die des öfteren als legitime Nachfolger von A Tribe Called Quest gehandelt werden, standhalten.

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Mit viel Soul im Gepäck, aber auch der nötigen Abgeklärtheit, um nicht in Neosoul-Klischees abzusaufen, ist ihr selbstbetiteltes Album klassischer adult-orientated HipHop. Variationsreiche Raps, auch mal Gesang und nicht zuviel laid-back Feeling – denn Druck muss schon sein – halten dieses Werk von Anfang bis Ende spannend, soulful und energiegeladen. Auf der Bonus-DVD (geht ja nicht mehr ohne) gibt’s noch 40 Minuten Behind the Scenes und ein halbstündiges Interview.
(Barak, VÖ: 28.10.2005)

Animal Collective: Feels

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Feelstimmig – Das New Yorker „Animal Collective“ vermittelt zwischen Pop und Avantgarde

„Animal Collective verblüffen über die bloße Breite dessen, was geht…langes, zauselig entrücktes Spielen, mit elektronischen wie akustischen, stets sehr liebevoll ausgesuchten Klangkörpern“ schrieb der Pop-Theoretiker und Journalist Diedrich Diederichsen zu der letzten Platte „Sung Tongs“ vom New Yorker Animal Collective (vgl. Buchkritik im Telegramm auf dieser Seite). Man kann’s kaum schöner sagen, aber erstens wird man hier dafür bezahlt es zumindest noch mal anders zu sagen, und zweitens liegt inzwischen das neue Album des Kollektivs vor. Und „Feels“ klingt eben auch wieder ein wenig anders als der Vorgänger.

Vergleichbar mit den Arbeiten von Gastr del Sol (David Grubbs und Jim O’Rourke) oder David Thomas (Pere Ubu) versucht das Animal Collective zwischen Strategien der Avantgarde und Sounds und Strukturen der Popmusik zu vermitteln. Und das auf eine Art, bei der Avantgarde-Fans um ihre Dogmen fürchten und Popmusik-Fans ihre Ohren öffnen müssen. Musikalisch landen sie da ebenso wie Grubbs, O’Rourke und Thomas mit viel gezupfter und geschrammelter Akustikgitarre Mal bei Folkmusic, Mal bei lang gezogenen Minimalstücken, aber auch ganz speziell bei den Beach Boys, was sich vor allem in den vielstimmigen, wunderschönen Vocalarrangements zeigt. Doch das sollte nicht verwundern. Auch David Thomas outet sich gern musikalisch wie verbal als notorischer Beach Boys-Fans. Das liegt daran, dass Brian Wilson, der Kopf der Kalifornischen Frohnaturen, Mitte der 60er Jahre mittels Drogen mit den Platten „Pet Sounds“ und dem nie in Originalform erschienenem „Smile“ zwei nicht immer so fröhliche Blueprints für die Verschmelzung von Pop und Avantgarde geschaffen hat. Das Animal Collective hebt dieses Zusammenspiel mit energetischen Rhythmen, psychedelischem Vielklang und allerlei Brüchen und Wendungen auf eine neue Ebene. Und das macht nicht nur live, zuweilen dargeboten in komischen Tierkostümen, sondern auch auf Platte tierisch Spaß!
(Fat Cat/Pias/Rough Trade, VÖ: 24.10.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05