Suehiro Maruo: Midori – Das Kamelienmädchen

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Zwischen all den Kulleraugen trifft einen die Brutalität umso härter: Sicherlich ist Suehiro Maruo auf dem Mangamarkt eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn es dort neben den vielen mainstreamigen Veröffentlichungen sicherlich noch viel Andersartiges und Abwegiges zu entdecken gibt …

Aber Maruo setzt auf diesem Gebiet tatsächlich Maßstäbe. Dass bei ihm eine düstere Stimmung herrscht, zeigt sich in voller Pracht und Farbe auf einigen Plattencovern des Free-Jazz- und Noise-Musiker John Zorn. Aber nicht nur in Einzelbildern beherrscht Maruo den Eroguro-Stil, eine groteske Mischung aus Erotik und Gewalt. In seinen Mangas zeigt er ebenso Gespür für Spannungsbögen, raffinierte Wendungen und andere narrative Feinheiten. Zuletzt konnte man sich davon in „Der lachende Vampir“ überzeugen, jetzt legt Reprodukt einen weiteren Band des Zeichners vor.

„Midori – Das Kamelienmädchen“ erzählt die Geschichte der 12 Jährigen Midori, die ohne ihre Eltern gezwungen ist, sich in einer umherziehenden ‚Freakshow’ zu verdingen. Dort wird sie nicht nur als Dienerin ausgenutzt, sondern auch misshandelt und vergewaltigt. Als der ‚fabelhafte’ Masamitsu zu der Truppe stößt, verliebt er sich in das Mädchen und schützt sie vor den anderen Schaustellern. Als sich Midori ihm aber verweigert, zeigt Masamitsu ein anderes Gesicht und spielt seine ganze Macht aus…
Maruos in detailreichen, historisch anmutenden Zeichnungen gestaltete Geschichte ist gespickt mit Zitaten – von Alexandre Dumas’ Kameliendame zu Tod Brownings Horrorfilmklassiker „Freaks“ – und fährt neben auffallend gefühlvollen Elementen der Liebesgeschichte natürlich auch wieder, wenn auch wesentlich harmloser als bei „Der lachende Vampir“, reichlich Sex und Gewalt auf. Beides ist stark überzeichnet und ins Surreale gewendet und außerdem mit viel Ironie (z.B. auf Klischees harmloserer Mangas) versetzt. Eine für die japanische Subkultur sehr typische, tollwütige Raserei, die gegen die stark autoritäre Gesellschaftsordnung Japans Sturm rennt mit einem ordentlich abgründigen, aber auch realitätsorientierten Weltbild voller Armut, Leid und Schmerz. Dass man beim Lesen darin nicht untergeht verdankt man Maruos Humor – auch wenn der natürlich tiefschwarz ist.

(der Band ist leider nie erschienen, die Rezension basiert auf einer Druckfahne)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 81, 4/05