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Archive for Februar, 2006

“Capote” von Bennett Miller

Der Autor Truman Capote schafft mit seinem Tatsachenroman „Kaltblütig“ zwar nicht ein komplett neues Genre. Dem großartigen Werk, das er unbedingt schreiben wollte, ist er nach sechs Jahren Arbeit aber sehr nahe gekommen. Doch er zahlt einen hohen Preis dafür.

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Bennett Miller wählt ein interessantes Themenfenster: Der Film ist nicht die Verfilmung des Lebens von Truman Capote, wie der Titel nahe legen könnte. Und er ist auch nicht eine weitere Verfilmung von Capotes Roman „Kaltblütig“, obwohl der Inhalt des Films fast identisch mit dem des Romans ist. Aber nur fast, denn eine Figur des Films taucht im Buch überhaupt nicht auf – die Hauptfigur. Bennett Miller tritt mit Hilfe seines Drehbuchautors Dan Futterman und gestützt auf Gerlad Clarkes Biografie „Capote“ einen Schritt vom Roman zurück, und plötzlich kommt der Autor ins Blickfeld.

Der exzentrische Autor Truman Capote (sehr beeindruckend Philip Seymour Hoffman) beginnt nach seinem Erfolg „Frühstück bei Tiffany“ Recherchen zu einem Mordfall im Mittelwesten – eine vierköpfige Farmerfamilie war nach einem Raubüberfall tot aufgefunden worden – und reist Ende ’59, noch vor der Festnahme der beiden Täter, an den Ort des Verbrechens. Schnell ist Capote von dem Thema gebannt, und als er nach der Festnahme der Täter vor allem Perry Smith näher kommt und in dessen sensibler Einsamkeit eine Wesensverwandtschaft erkennt, vielleicht auch Liebe für ihn empfindet, kann er nicht mehr loslassen: Es soll sein bis dahin ambitioniertestes Projekt werden, bei dem er Journalismus und Literatur auf unnachahmliche Weise miteinander verbindet.

Richard Brooks gleichnamiger Film von 1967 erzählt eindrucksvoll den Roman nach. Mitchells Film erzählt Capotes Arbeit an dem Roman nach und somit automatisch auch die Ereignisse des Falls. Was hier hinzukommt, ist allerdings nicht nur eine Figur, sondern die spannende Entstehungsgeschichte dieses legendären Romans, der den Tatsachenroman zwischen Beatniks und New Journalism perfektionierte. Und es ist vor allem die schonungslos erzählte Geschichte eines einsamen, arroganten Narzissten (man lese nur „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie“, sein 250 Seiten langes Gespräch mit Lawrence Grobel). Vor allem den moralischen Zwiespalt, Nutznießer der Hinrichtung zu sein – erst dann kann er sein Buch beenden – schildert der Film. Capote hat dies nie verwunden, auch wenn er weiterhin seine Rolle als Superstar in der Öffentlichkeit genoss.
(Bundesstart: 2.3.06)

Zuerst erschienen in choices 03/06

“Brokeback Mountain” von Ang Lee

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“Go West, Young Man !“. 1865 ermunterte der New Yorker Zeitungsverlegers Horace Greeley seine Landsleute mit diesem Ausspruch, im Westen ihr Glück zu suchen. Wyoming war lange Zeit Zentrum des ‚Wilden Westens’, das legendäre Fort Laramie ein wichtiges Nadelöhr zum Westen. Hundert Jahre später kann man das karge Leben in der Prärie am Rande der nördlichen Rocky Mountains kaum glücklich nennen. Das Land ist arm, es gibt kaum Arbeit – für das ausgediente Modell ‚Cowboy’ schon gar nicht.

So sind der Rancher Ennis del Mar und der Rodeoreiter Jack Twist bereits froh, ihr ‚Glück’ in einem einsamen Job als Schafhüter in den Bergen zu finden. Unter widrigen Bedingungen hausen sie mehrere Monate zusammen in einem Zelt – Ennis schützt in den Nächten die Herde vor Raubtieren, Rick kümmert sich vor allem um die Verpflegung. Langsam kommen sich die beiden wortkargen Männer näher – auch körperlich. Als Ennis wegen eines plötzlichen Wintereinbruchs eines Nachts nicht zur Herde kann und die Temperaturen ungemütlich werden, übermannt es die beiden. Viel Platz für derartige Gefühle zwischen zwei Männern gibt es in dieser Welt aber nicht. Vor allem für den introvertierten Ennis sind die Ereignisse in den Bergen zunächst nur ein Ausrutscher, die darin liegenden Möglichkeiten, ein anderes Leben zu leben, sieht er eher als eine Gefahr denn eine Perspektive. Auf weitere Annäherungsversuche von Jack reagiert er mit brüsker Zurückweisung.

„Go West, Young Man“ ist auch der Titel eines Dokumentarfilms von 2003, in dem den Orten und Geschichten der Western-Filme nachgespürt wird. Dabei macht der Film Halt in Wyoming und stößt auf die Schriftstellerin Annie Proulx, die sich auf ungewöhnliche Art am Mythos des Westerns abarbeitet. Die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ der Purlitzer-Preisträgerin ist die Vorlage für Ang Lees ungewöhnlichen Cowboy-Film. Die unwirtliche, windige Prärielandschaft, die in dem Dokumentarfilm zu sehen ist, prägt nicht nur die Eingangssequenz von „Brokeback Mountain“: ein sandiger Platz, der Wind treibt den Staub vor sich her – es ist kalt. Vor einem schäbigen Container, der als Büro dient, treffen sich Ennis und Jack zum ersten Mal, als sie sich um den Job bewerben, der sie in die Rocky Mountains führt. Dann wähnt man sich fast in einem klassischen Western: beeindruckende Totalen der Gebirgslandschaft und das wortkarge Gebaren der Männer prägen den Film. Doch dann biegt der Film wieder ab und wird ein psychologisches Langzeitportrait einer kaum ausgelebten schwulen Liebesbeziehung und eine erbarmungslose Sozialstudie ihrer kleinbürgerlichen Umgebung.
Nachdem ihre gemeinsame Zeit ein Ende gefunden hat, flüchtet sich Ennis in ein trostloses, bürgerliches Leben mit Frau und Kindern und auch Jack reiht sich ein in die Rolle des Familienvaters. Ihre heimlichen Sehnsüchte leben sie nur alle paar Monate, oft seltener, bei gemeinsamen Angeltouren aus. Rick glaubt zunehmend an die Möglichkeit, in einer Beziehung mit Ennis sein Leben voller Kompromisse und Lügen hinter sich lassen zu können, Ennis jedoch kann nicht einmal sich selbst die Wahrheit über seine Gefühle eingestehen. Das Doppelleben nagt an den Protagonisten – wirkliche Wärme und Nähe überlebt in dieser Umgebung nicht.
(Bundesstart: 9.3.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 03/06

The Velvet Underground: Velvet Redux – Live MCMXCIII (DVD)

„John Cale und Lou Reed im selben Raum zu sehen, ohne dass sie sich gegenseitig zerrissen, war einfach wunderbar“, erinnert sich Ronnie Cutrone in dem Buch „Please Kill Me“ zur Geschichte des Punk.

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Cutrone war zu Zeiten von Velvet Undergrounds erstem Album Assistent von Andy Warhol, der die berühmte „Bananen“-Platte 1966 produzierte. Damals wenig beachtet, wurde die Band zu einer der Haupteinflüsse für Punk und New Wave. 1993 fand man sich trotz der Spannungen zwischen Cale und Reed für einige Auftritte in Europa zusammen. Die DVD gibt die Konzerte im Pariser Olympia wieder (leider ohne jeglichen Bonus) und zeigt eine in Würde gealterte Band: Maureen Tucker trommelt stoisch, Sterling Morrison bleibt mit Bass im Hintergrund, Reed hält seinen Rockismus im Zaum und Cale sorgt mit Geige und Piano für experimentelle Momente.
(WSM/Rhino, 24.2.06)

NMFarner: Das Gesicht

Es wird ihnen selber klar sein, dass man sofort Hamburger Schule ausruft, sobald NMFarner erklingen. Berlin-Schweizer Schule müsste es gemäß des Personals richtig heißen, denn für dieses Trio haben sich die Berliner Mascha Qrella (Mina, Contriva) und Norman Nietzsche (Mina) sowie der Züricher Chriegl alias Christian Farner (Schlagzeuger bei Knarf Rellöm und außerdem erfolgreich als Comiczeichner und Illustrator für Plattencover, Konzertplakate, Bücher und Anderes tätig) zusammengefunden. So ergibt sich auch der kryptische Bandname: M(ascha)N(orman)Farner!

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Musikalisch denkt man direkt an etliche Bands vom Anfang der 90er Jahre der inzwischen geschlossenen Hamburger Schule: die frühen Blumfeld klingen deutlich an, an die Kolossale Jugend muss man ebenso denken, gesanglich vielleicht auch an Cpt. Kirk &, deren erstes Album „Stand rotes Madrid“, 1986 so etwas wie der Blueprint für die Hamburger Schule, genau wie „Das Gesicht“ mit einem deutsch-englischem Textgemisch überraschte. Die neue Platte ist trotzdem differenzierter als das NMFarner-Debüt „Die Stadt“ angelegt, das unerbittlich knallte. Auf „Das Gesicht“ gönnt man sich mehr Feinheiten, ohne an Rocker-Qualität einzubüßen. Da ist vor allem der ungestüme Bass, der häufig weit im Vordergrund die Stücke antreibt. Überhaupt scheinen die drei Spaß daran zu haben, die üblichen Verhältnisse, die Relationen auszuhebeln: mal wüten sie, dann senkt sich der Lautstärke- wie der Energiepegel ganz plötzlich, der Bass verschwindet wieder im Hintergrund, dafür kommt die Gitarre nach vorne. Ergebnis dieser wackeligen Verhältnisse ist eine manchmal unfertig wirkende, aber im besten Sinne unperfekte Rohheit, die auch nach mehrmaligem Hören Verwunderung zulässt. Und dann tauchen auch noch überall kleine Melodiehappen auf, die einen nicht in Ruhe lassen wollen – sogar Hitpotential können sie mit ihrem rauen Sound entfalten.
(Labels / EMI, VÖ: 17.2.2006)

Liars: Drum’s Not Dead

Die Liars abermals mit einer ganz eigenen archaischen Klangwelt

Dass die Mieten in Berlin niedriger sind als in Köln, ist allgemein bekannt. Dass sie auch niedriger als in New York sind, kann man sich denken. Die Liars sind zwar nicht deshalb von New York nach Berlin übergesiedelt, die Kostenersparnis war aber sicherlich ein willkommener Nebeneffekt. Und da überschüssiges Geld ausgegeben werden will, hat man dem aktuellen, dritten Album eine DVD beigelegt, auf der das komplette Album drei Mal ‚verfilmt’ wurde – das sind über 140 Minuten Bildmaterial. Da hat sich sogar die Plattenfirma zweimal überlegt, ob sie mitspielen will, zumal auch die Musik nicht gerade einen Kassenschlager erwarten lässt. Nun kommt das Album etwas verzögert endlich in die Läden und wird die mit dem zweiten Album verprellten Fans wahrscheinlich wieder an den Rand ihrer Toleranzgrenze treiben.

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Ihr Erstling „They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“ war noch ein Kracher im Zeichen der kantigen Gang of Four, als dieser Bezugspunkt noch nicht so abgedroschen war. Der Nachfolger „They Were Wrong, So We Drowned“ wartete dann mit düsteren Soundscapes auf und erinnerte an die späten Wire. Die Rockfraktion war irritiert. Dass das Trio nicht gewillt ist, die Enttäuschung mit dem neuen Album wieder gut zu machen, zeigt sich schnell: Das Konzeptalbum „Drum’s Not Dead“ spielt mit den Gegensätzen von Anspannung und Entspannung. Dabei spielen einerseits zwei Schlagzeuge, andererseits allerlei atmosphärische Sounds eine Rolle. Archaisch klingen sowohl die ruhigen wie die energetischen Momente der Platte, die Stimmen, die oft tribalistisch (vielleicht indianisch?) klingen, unterstützen diesen Eindruck. Neben Wire mag man daher auch an die experimentelle New Wave-Band This Heat denken. Aber bei all ihren Bezügen (im letzten Stück – einem ‚richtigen’ Song – lassen sie gar an Velvet Underground denken) sind sie nie auf ihre Einflüsse reduzierbar. Anders als viele der Bands, die sich derzeit auf die New Wave beziehen, emanzipieren sich die Liars von ihren Vorbildern komplett und kreieren eine ganz eigene Klangwelt.
(Mute/EMI; VÖ: 17.2.06)

Television Personalities: My Dark Places

Seit 1977 gibt es die Band um Daniel Treacy, und obwohl ihr ein größerer Bekanntheitsgrad stets verwehrt blieb (sie hatten 1978 mit „Part Time Punks“ mal einen veritablen kleinen Indie-Hit), genießen sie Legendenstatus.

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In den 90er Jahren wurde es ruhig um die Band, was auch auf die Drogenprobleme von Treacy zurückzuführen ist. Nun erscheint seit elf Jahren das erste neue Album. Und das klingt frisch, als hätte Treacy ein zweites Leben begonnen. In rauem Lo-Fi-Sound und mit seiner charmant-kindlichen Säuferstimme singt er seine Außenseiterballaden, mal spartanisch instrumentiert, mal angefüllt mit 60er-Jahre-Psychedelik oder elektronischen Sounds, auf jeden Fall aber immer auf höchst unkonventionelle Art arrangiert.
(Domino/Rough Trade, VÖ: 24.2.2006)

“Ich und Du und alle die wir kennen” von Miranda July

Die Regisseurin Miranda July sagt über die Filmmusik von Michael Andrews, dass sie ihren Film zum leuchten gebracht hat. Das stimmt, und der Glanz wurde weiter gereicht …

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