„Ich und Du und alle die wir kennen“ von Miranda July

Die Regisseurin Miranda July sagt über die Filmmusik von Michael Andrews, dass sie ihren Film zum leuchten gebracht hat. Das stimmt, und der Glanz wurde weiter gereicht …

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Der frisch geschiedene Richard ist Schuhverkäufer. Zusammen mit seinen zwei Söhnen lebt er in einer kleinen Wohnung. Im Geschäft lernt er die Künstlerin Christine kennen. Zwischen Erwartungshaltung, Enttäuschung und Angst vor Verletzung scheint zunächst nicht viel Platz für eine Romanze zu sein. „Ich und Du und alle die wir kennen“, der erste Spielfilm der US-amerikanischen Künstlerin, bringt trotzdem die Augen des Publikums zum Leuchten. So war es zumindest beim Internationalen Filmfest in München im Sommer 2005. Das Leuchten entsteht durch die vielen kleinen poetischen Erhöhungen des Alltags, die Miranda July in ihrem Film untergebracht hat. Untergebracht ist wohl das richtige Wort, denn der Film ist weder darum bemüht, einen Handlungsstrang sonderlich stringent zu verfolgen, noch sich an anderen dramaturgischen Regeln abzuarbeiten. Es hat sie viel Zeit und Arbeit gekostet, die ganzen Regeln der Filmindustrie für ihren ersten langen Spielfilm zu erlernen. Nun, verrät sie in einem Interview, kann sie entscheiden, welche davon sie beachten will und welche nicht. So kreuzen sich die verschiedenen Geschichten im Film, dann laufen sie wieder auseinander. Sie erblühen in kurzen Momenten großer emotionaler Dichte, wenn Gefühle aufeinanderprallen, man etwas riskiert. Vor allem diese kurzen Momente, und es gibt unzählige davon, machen den Film so schwebend, dass man sich mit einer Nacherzählung der anekdotenhaften Handlung gar nicht aufhalten möchte – die Qualitäten des Films und der Darsteller wären damit nicht einmal im Ansatz gestreift. Diese poetischen Momente, die von Liebe, Tod und Sexualität handeln, führen einen von einem Höhepunkt zum nächsten und machen aus dem konventionellen dramaturgischen Bogen eine luftige Hügelkette.
Man merkt dem Film an, dass er von einer Künstlerin gemacht wurde, die für gewöhnlich kleine Werke an einer großen Idee aufhängt (oder ist es umgekehrt?): einige davon sind im Film Werke der Figur Christine Jesperson geworden. Eigentlich soll man ja Figur und Darsteller nie miteinander verwechseln. Trotzdem fällt es schwer, in der Rolle der Künstlerin Christine nicht die Hauptdarstellerin und Regisseurin Miranda July zu erkennen. Beide sind Künstlerinnen, die vor allem Performances machen und mit Video arbeiten, beide beschäftigen sich mit zwischenmenschlichen Beziehungen auf eine sehr offene, direkte, ja fordernde Art, die von einer kindlichen Perspektive und Sehnsucht nach Geborgenheit geprägt ist. Christine Jesperson ist sicherlich die bravere von beiden. Miranda July hingegen kommt aus einem raueren Untergrund. Sie macht seit Jahren Performances und Musik – u.a. mit dem „Dub Narcotic Soundsystem“, schreibt Kurzgeschichten und dreht Kurzfilme (u.a. „Nest of Tens“, der auf dem Kölner DVD-Label Raum für Projektion erschienen ist). Bei ”Learning to love you more”, einem Internetprojekt für die Whitney Biennale 2004, fordert July: “Make a childs outfit in adult size”; “Give advice to you in the past”; “Write the phone call you wish you could have”. Das hat sicher einen symbolischen oder therapeutischen Charakter, aber an Tatkraft fehlt es auch nicht. Nicht nur diese Website ist gefüllt mit Antworten. Bereits 1995 gründete sie mit „Joanie4Jackie“ ein inzwischen florierendes Filmdistributionsnetzwerk für unabhängige Filmemacherinnen. Man schickt einen eigenen Film und erhält daraufhin ein Videotape mit den zehn zuletzt eingesandten Filmen – inklusive des eigenen.
Die Themen des Films – von Liebe bis zur Selbstliebe – waren auch schon im restlichen Werk der Künstlerin zu finden. Nun hat sie all das einfach in diesen wunderbar-humorvollen, leichten, kaum greifbaren Spielfilm gegossen. Andererseits: Unangreifbar ist er nicht. Neben diversen Preisen in Cannes und anderswo und zahlreichen Lobeshymnen von Kritikern sind ebenso harsche Verrisse zu lesen. Man muss sich wohl entscheiden, ob man diese bedingungslosen und fordernden Gefühlsäußerungen akzeptieren will oder nicht. Ich habe mich dafür entschieden.

(Bundesstart: 23.2.2006)

Zuerst erschienen in choices 02/06

6 Gedanken zu „„Ich und Du und alle die wir kennen“ von Miranda July

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  3. umbau

    Guten Abend, dein Blog ist wirklich sehr informativ. Ich wuerde mir nur etwas wuenschen. Kannst du den Blog etwas uebersichtlicher machen? Oder ich bin einfach zu doof.

  4. tiefkultur Artikelautor

    Danke für das Kompliment. Die Strukturierung ist aber doch ziemlich klassisch – was genau meinst Du mit unübersichtlich?

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