Vert: Some Beans & an Octopus

Erstaunlich, was einem hier an lockeren Songs entgegenhüpft. Der in Köln lebende Exilbrite Adam Butler ist eigentlich als Konzeptmusiker und Arrangeur detailverliebter, nervöser Werke bekannt.

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Die ersten Stücke seines neuen Albums klingen aber eher nach dem unbekümmerten Charme eines Jim Avignon aka Neoangin: Popmelodien haben Einzug gehalten. Im Verlauf des Albums erweitert Vert sein Spektrum noch und gibt auch R’n’B- und HipHop-Annäherungen mit Big Band- und Exotica-Elementen zum Besten. Ein Album voller Überraschungen, dem die Freude daran, Unterschiedlichstes zusammenschmeißen, in jedem Augenblick anzuhören ist.
(Sonig / Rough Trade, VÖ: 6.10.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10.06

Box Codax: Only an Orchard away

Musik und Humor – ein heikles Thema. Alexander Ragnew und Nick McCarthy, Gittarist bei Franz Ferdinand, trauen sich und haben ein zwar komplett bescheuertes Album aufgenommen, bei dem man die Menge an geflossenem Alkohol nur erahnen kann, aber es ist toll.

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Ween standen Pate ebenso wie Violent Femmes oder Frank Zappa, aber auch ultracoolen Disco, New Wave-Zickigkeit und Punk-Miniaturen findet man hier. Komischen Gesang und alberne Texte gibt’s außerdem in Hülle und Fülle: „I swam with the otter, yes i did … and we played in the pool… it was a perfect day“ – mit engelsgleichem Backgroundgesang und Meeresrauschen untermalt. Helge Schneider würde das wohl auch gefallen.
(Gomma / Groove Attack, VÖ: 22.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

„Sehnsucht“ von Valeska Grisebach (Interview)

Markus und Ella sind seit ihrer Kindheit ein Paar. In ihrer dörflichen Umgebung genügen sich die beiden. Als Markus bei einer Dienstreise eine andere Frau kennen lernt, gerät sein Leben aus den Fugen.

Was für ein Filmtitel! „Ein Liebesfilm“ heißt es noch, nicht minder Eindeutig, im Untertitel. So schlicht die Worte, so groß ihre Bedeutung. Das trifft auch auf den Film zu, der mit Laiendarstellern – ein Begriff, den die Regisseurin nicht sonderlich mag – in einem kleinen Dorf gedreht wurde. Die Geschichte von dem Schlosser und der Haushaltshilfe ist eine der eindringlichsten, die man seit langer Zeit im Kino sehen konnte. „Sehnsucht“ ist wieder einer jener neuen deutschen Filme, der den Figuren so nahe kommt, dass man sich als Zuschauer fast als Störenfried in deren Intimsphäre fühlt. Hier entsteht eine Tiefe der Gefühle, von der Regisseure von Hochglanz-Melodramen nur träumen können. Und das Ende dieses wunderbaren Films ist schier unglaublich.

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INTERVIEW MIT VALESKA GRIESEBACK:
Inwiefern unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Laien von der mit professionellen Schauspielern?

„„Sehnsucht“ von Valeska Grisebach (Interview)“ weiterlesen

Jimi Tenor: ReComposed by Jimi Tenor

Nach Matthias Arfmann darf nun Jimi Tenor den Backkatalog der Deutschen Grammophon plündern und weiter verwerten. Klar, dass Tenor mit seinem avancierten Geschmack nicht wie Arfmann die nahe liegende Romantik-Abteilung in HipHop und Dub transformiert, sondern sich auf die Neue Musik des 20. Jahrhunderts stürzt, auf Edgar Varèse, Erik Satie, Pierre Boulez, und Steve Reich.

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Minimal und Musique Concrète war Tenors Musik auch nie fern. Hier bleibt er aber abgesehen von einigen Beateinlagen und Funkandeutungen doch sehr im Kosmos der Neuen Musik, den Geräusch-, Rhythmus- und Elektronik-Experimenten verhaftet. Das alles natürlich durch seine Techno-Funk-Brille betrachtet. Eine sehr spannende Perspektive.
(Deutsche Grammophon / Universal, VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Darkel: s/t

Es fängt an wie man es erwartet: „Be my friend“ setzt voll auf schwülstig-dekadente 70’s-Stimmung zwischen Jean Michel Jarre-Pathos, Gruselsounds der italienischen Horror-Art-Rocker Goblin und ein wenig Weichzeichner Erotik. Man erwartet das, weil Darkel das Solo-Projekt von JB Dunckel (ein Wortwitz, den man wohl nur versteht, wenn man des Deutschen mächtig ist), einer Hälfte der Franzosen Air ist.

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Eigentlich klingt die Beschreibung des Sounds ja recht fürchterlich, aber wir wissen ja, das Air mit diesen Ingredienzien wirklich entrückt Schönes schaffen können. Leider verlässt Monsieur Obscurel, um den Witz auf Französisch weiterzuspinnen, das Gespür für die richtige Mischung und er verliert sich häufig nicht nur in niedlich-naivem 60’s Powerpop, sondern auch in fast schlagerhaften Schmonzetten. Da hat der Bilitis-Einfluss wohl etwas überhand genommen.
(Prototyp Rec. / Labels; VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Pere Ubu: Why I hate women

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Surreal und Expressiv – 30 Jahre nach dem Debüt wieder ein grandioses Werk

Ein ganz schön provokanter Titel, der auf dem Cover zudem mit dem Hinweis “This is an irony-free recording” unterstrichen wird. Es gibt auch etliche spannendere Lesarten als Ironie, die nicht zwingend Satzaussage und Meinung des Sprechenden 1:1 gleichsetzen. Der Sänger David Thomas verweist auf den Schriftsteller Jim Thompson, dessen desillusionistische Romane (z.B. „The Getaway“) für den Titel Pate standen. Trotzdem quillt die Platte über vor Liebesliedern. Soviel dazu.

Selten seit ihrem Debüt-Album „The Modern Dance“ von 1978 haben Pere Ubu, von denen inzwischen nur noch Thomas übrig ist, Punk-Attitüde, Avantgarde-Ansatz, Soundtüftelei und Emotionalität (in alle Richtungen!) so grandios miteinander verbunden. Der Rockanteil drängt die Stücke ungeduldig und ungestüm mit Captain Beefheartschem Freiheitsdrang nach vorne, ungewöhnliche Gitarrensoli zwischen Neil Young und MX-80 Sound inklusive. Nicht nur die ruhigeren Momente der Platte sind voller Gefühl, die ohne jegliche Schablonenhaftigkeit direkt ins Herz geht. Das durch alte Synthesizer, Theremin und andere magische Klangquellen und ungewöhnliche Aufnahmemethoden die Musik durchsetzende Geräusche, Gefiepse und Gebrumme verleiht der Musik – frei nach dem extraterristischen Sun Ra – etwas geheimnisvoll Außerirdisches – oder Überirdisches. Die oft surreal anmutenden Texte von Thomas und sein eigentümlich hoher, gepresster Gesang – wie Kermit mit Helium in der Lunge – tun ihr Übriges, diese Musik weit, ganz weit aus dem gros der Popmusik herauszuheben.

Sie werden gerne als der Missing Link zwischen The Velvet Underground und Punk angesehen und nicht selten, trotz einiger schwächerer Schaffensjahre nach der ersten Reunion in der Mitte der 80er Jahre, als „die größte Rock’n’Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten“ (The Wire) bezeichnet. Alles Attribute, die sie mit ihrem neuen Werk eindrucksvoll bestätigen.
(Hearpen Rec. / Glitterhouse; VÖ: 15.9.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06