Archive for Oktober, 2006
Oktober 29, 2006 at 17:51 · Filed under Musik
Zack Condon als Ein-Mann-Orchester
Dieses Balkan-Orchester heißt mit bürgerlichem Namen Zack Condon, was ja auch gut klingt. Aber der 20jährige kommt weder aus Beirut noch aus dem Balkan, sondern aus New Mexico. Das Interesse an osteuropäischer Musik erklärt Condon mit der russischen Herkunft seiner Großeltern. Seine Transformation dieser Folklore in einen für Independent-Rock Hörer kompatiblen Sound macht aus „The Gulap Orkestar“ aber etwas ganz einzigartiges.

Schwer melancholisch und Vodka getränkt singt sich Condon mit zitternder, getragener Stimme, die zuweilen an das weinerliche Organ von Thom Yorke von Radiohead erinnert, die Seele aus dem Leib. Eine schmachtende Violine, glänzende Bläsersätze, eine Quetschkommode – das sind die Instrumente, derer Condon sich bedient. Die Percussion-Elemente haben einige Freunde aus New York beigetragen, eine naiv pluckernde Beatbox findet aber auch ihren Platz. So Unterschiedliches wie Arabesken, russische Polka, trunkener Blaskapellensound und Westler-Hippness treffen hier auf eine ganz eigene Art und mit größter Emotionalität aufeinander, dass man das Wort Authentizität weder gegen noch für diese Musik ins Feld führen mag.
Mitte der 80er Jahre, in Zeiten der Post-New Wave, als kaum jemand genau wusste, wo es nun lang gehen sollte, haben etliche Independent-Bands ihre Nische in der Adaption von Folklore gefunden, ohne allzu sehr in Hippie-Glückseligkeit zu verfallen. Die Pogues mischten Irish-Folk mit Punk, Violent Femmes kombinierten College-Rock mit amerikanischer Folklore, The Band of Holy Joy bastelten in England an einer märchenhaften Fusion und Camper van Beethoven verschmolzen ihre Punkattitüde damals schon mit Country und Balkansounds. Dass die kulturelle Entwicklung gewissen zyklischen Bewegungen unterworfen ist, ist ja bekannt. Und dass wir uns gerade wieder am Ende eines New Wave-Revivals befinden ebenfalls. Warum sich also über einen texanischen Jungen, der als Ein-Mann-Balkan-Orchester musiziert, wundern. Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen und ist weitaus mehr als ein Novelty-Gag.
(4AD / Beggars Group / Indigo; VÖ: 10.11.2006)
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/06
Oktober 28, 2006 at 18:44 · Filed under Film
Der kasachische Journalist Borat Sagdiyev reist in die USA, um Kultur und Volk näher kennen zu lernen und die Erfahrungen nutzbringend für das eigene Volk zu verwerten. Der Abgesandte Kasachstans ist – das merkt man schnell – ein höchst charmanter und liebenswerter Rassist und Sexist…
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(Bundesstart: 2.11.06)
Zuerst erschienen in choices 11/06
Oktober 21, 2006 at 21:16 · Filed under Film
2027: Seit 18 Jahren wurde kein Mensch mehr geboren. Die Welt versinkt im Chaos, nur England kann mit Hilfe eines totalitären Regimes die Ordnung aufrecht erhalten und die Migrantenströme abwehren. Da wird eine Frau schwanger.
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(Bundesstart: 9.11.06)
Oktober 14, 2006 at 00:21 · Filed under Film
Nach seinem Erstling „Bungalow“ erzählt Ulrich Köhler auch in seinem neuen Film wieder von Gefühlen der Entfremdung in der Mittelschicht. Nina verlässt sprachlos das Eigenheim und bleibt auch im Rest des Films sprachlos. Ohne ausgesprochenen Grund und ohne erkennbares Ziel flüchtet sie. Im Ferienhaus der Eltern trifft sie auf ihren Bruder, und flüchtet auch dort wieder. In einem klotzigen Großhotel schleicht sie somnanbulistisch durch die Gänge, trifft auf einen abgehalfterten Tennisstar (gespielt von der Tennislegende Ilie Năstase) und landet schließlich wieder bei ihrer Familie. Eine Lösung gibt es nicht. Ernüchternd und in ebenso nüchternen, wenn auch wohl gestalteten Bildern folgt Köhler seiner Protagonistin. Die innere Leere der Protagonistin überträgt er mit seiner Distanziertheit auf die Zuschauer.

INTERVIEW MIT ULRICH KÖHLER:
Es ist einige Zeit vergangen seit „Bungalow“. Warum dauerte es bis zum zweiten Kinofilm so lange? …
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Oktober 12, 2006 at 18:13 · Filed under Musik
Betont lässig gibt sich das ungewöhnliche Trio aus der Provinz
Indie-Rock Demonstrativ hölzern und steif lässt der Sound von Whirlwind Heat ein wenig an New Wave-Minimalisten, beispielsweise Devo oder auch das ebenfalls gitarrenlose Trio Young Marble Giants denken, allerdings mit spät 80er, früh 90er Jahre Indie-Rock im Rücken. Nicht von ungefähr haben sie Ihren Bandnamen dem Raymond Pettibon Bild auf dem Cover des 90er Sonic Youth-Albums „Goo“ entnommen. „I stole my sister’s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road“ steht da staubtrocken. Diese Trockenheit macht auch den Sound des Trios aus, dessen vordergründigstes Soundmerkmal das gänzliche Fehlen einer Gitarre ist. Und nicht zu vergessen: Der mitunter melodiöse Arbeit verrichtende, aber auch mal entfesselte Moog-Synthesizer gibt ihrem lakonisch-lässigen Sound eine besondere Note.

Als „Goo“ erschien, waren die drei Jungs aus Michigan 10 Jahre alt. Mit 16 gründeten sie ihre Band, um der drohenden Zukunft im ortsansässigen Möbelladen oder Steakhaus zu entgehen. Drei Jahre und einige kleine, selbstproduzierte Veröffentlichungen später hört sie der damals noch nicht so bekannte Jack White von den White Stripes auf einem Konzert. Der Mann hat bekanntermaßen ein Faible für ungewöhnliche Band-Besetzungen. Also nahm er sie als Vorgruppe mit auf Tournee (es folgten Tourneen mit den Yeah Yeah Yeahs und The Kills) und veröffentlichte 2003 ihr erstes Album „Do Rabbits wonder“ auf seinem eigenen Label Third Man Records. Die 13 Stücke sind ausschließlich nach Farben benannt. 2004 erschien ihre 10-Track- EP „Flamingo Honey“, die mit einer Spielzeit von 10 Minuten dem „Commercial Album“ der Residents offensichtlich Konkurrenz machen wollte. Jüngst gab es eine Kollaboration mit Devonte Hynez von den aufgelösten Test Icicles. Hynez, der auch unter dem Banner Lightspeed Champion firmiert, hat zusammen mit der Band als Lightspeed Heat eine Session eingespielt, von der großes berichtet wird. Zumindest haben sie da einen ähnlich verrückten Zeitgenossen getroffen.
(Brille/Labels/EMI; VÖ: 20.10.2006)
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06
Oktober 11, 2006 at 00:10 · Filed under Film
Jürgen Vogel in seinem schätzungsweise 37. Film in diesem Jahr. Im Gegensatz zu seinem Auftritt in Der freie Wille spielt er hier an der Seite von Daniel Brühl einen ausgesprochen liebenswerten Menschen…
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(Bundesstart: 26.10.2006)
Zuerst erschienen in Filmstart 10/06
Oktober 4, 2006 at 21:17 · Filed under Comic

Die noch junge Karriere des italienischen Künstlers Gipi entwickelt sich rasant. Nach den zwei langen Geschichten Le Local“ (bislang nicht auf deutsch erhältlich) und „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte„, den zwei Kurzgeschichten in der Kollektion Ignatz und der Geschichtensammlung „Nachtaufnahmen“ ist er einer der gefeiertsten Newcomer der Comicszene. Zuletzt wurde das mit der Auszeichnung der Kriegsgeschichten als bester Comic beim Festival in Angoulème unterstrichen.
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Oktober 3, 2006 at 11:35 · Filed under Musik
John McEntire von Tortoise hat das zweite Album des Trios aus Chicago produziert. Zu wesentlichen Veränderungen am Sound hat das nicht geführt. Vielleicht ist das Album im Vergleich zum Vorgänger etwas ausladender geraten.

Die Arrangements sind immer noch federnd-jazzig, atmen Luft und werden vom melancholischen Gesang der Sängerin bestimmt, es gibt aber auch ausgesprochen lange Improvisationspassagen, die recht frei gehalten sind. Die Band dürfte sich im Plattenregal weiterhin zwischen Pram, den Raincoats und Veröffentlichungen von Recommended Records recht wohl fühlen.
(Thrill Jockey / Rough Trade; VÖ:10.10.2006)
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06
Oktober 2, 2006 at 18:09 · Filed under Musik
Ein erster, lustiger Höhepunkt des pompösen Symphonic-Rock: Emerson, Lake & Palmer knöpfen sich Ende 1970 im Lyceum Theatre in London Mussorgskys „Pictures at an Exhibition“ vor. Das ist manchmal ziemlich kindischer Pathos-Salat, hat mitunter aber auch coole Proto-Metal Breaks. ‚Prähistorische’ Psychedelic-Effekte im Bild versüßen die etwas unspektakuläre Show. Als Bonus gibt es auf der wieder aufgelegten DVD eine Naxos-Tonaufnahme des Originals von Mussorgsky mit haarsträubender Billiggrafik als Untermalung.
(Warner)