Den Alten neu sehen

Es war reiner Zufall, dass ich gestern an einem Abend hintereinander erst einen aktuellen Saarbrücken-„Tatort“ mit demnächst-Star Maximilian Brückner gesehen habe („Der tote vom Straßenrand“), dann eine alte Folge von „Der Alte“ mit good old Siegfried Lowitz („Kalt wie Diamant“) von 1983, und mit erstaunen feststellen mußte, dass letzterer um so vieles interessanter war …

 

Der Saarbrücken-Tatort ist schnell abgehandelt: lahme Story, mieser Musikeinsatz, mittelmäßige Schauspieler, stümperhafte Brechstangen-Dramaturgie. Der Alte hingegen, seit meinen Teenagertagen, als Freitags auf Parties gehen noch nicht auf der wöchentlichen Agenda stand, weil zu jung, nicht mehr gesehen, überraschte: Lowitz ist lange nicht so bieder wie Tappert, sondern eher provokant und teils auch boshaft. Manchmal sogar verwirrend: „Sie sehen gut aus. Passen sie auf sich auf“, ruft er merkwürdig zweideutig einem Versicherungsvertreter hinterher, der in einem Mordfall um Hintergrundinfos gebeten hatte. Die Inszenierung weist in einigen Szenen regelrecht Gestaltungswillen auf, was nicht nur den meisten gewöhnlichen TV-Krimis, sondern vor allem dem Tatort vollkommen abging. Eine Szene in einem Krankenhausflur zeigt in weiter Ferne eine Frau in grünem Kostum, in der gleichen Farbe wie die Wände des Flurs. Gespenstisch. Ein unterschwellig aggressives Gespräch zwischen Lowitz alias Köster und einer Verdächtigten steigert sich filmisch in einem fast unmerklich intensiver werdenenden Schnitt/Gegenschnitt-Duell von beharrlicher Langsamkeit – fast psychedelisch. Und die Musik klingt wie eine Mischung aus Moroder-Disco und Elektronik-New Wave. Einzige Enttäuschung: Die Folge ist nicht von 1978, sonder von 1983.
Durch die Thematisierung einer lesbischen Beziehung landet die Folge übrigens heute noch auf jeder Gay-Seite mit TV-Tipps oder Filmarchiv.