Björk: „Volta“

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Warum Björk nicht prätentiös ist

Was haben Björk und Joanna Newsom gemeinsam? Neben einer gewissen prätentiösen Stimmlage und einem Hang zu ausufernden Songformaten sicherlich die Fähigkeit, Menschen sowohl zu größten Liebesbekundungen als auch übelsten Hasstiraden zu verleiten. Bitte einmal kurz im Internet rumsurfen … genau! Die Hassbekundungen erstaunen mich, obwohl mir das Prätentiöse als Kritikpunkt nicht fremd ist. Gegen das Prätentiöse in Form von Progressive Rock wurde Punk erfunden, und das war gut so…

  Aber danach kam New Wave, und man merkte schnell, dass Prätentiösität (sag mal schnell jemand das passende Substantiv) auch – ganz anders als im verhassten Prog-Rock – verdammt cool sein kann (von hier Soft Cell bis dort The Residents). Es gibt nämlich einen Trick, der es erlaubt, in großen Gefühlen zu schwelgen, und das auch noch kunstvoll, ohne als der letzte Befindlichkeitsdepp dazustehen. Das erreicht man, indem man zum einen gezielt Widerhaken ausstreut, die es einem verunmöglichen, sich in einem Gefühl von Kunstbeflissenheit wohl zu fühlen, zum anderen muss man gegen die Idee des Authentischen angehen, also das vermeintlich echte, große Gefühl brechen. Sonst macht man es sich tatsächlich bei „Yes“ gemütlich.

Nicht nur Joanna Newsom (hm, bei der bin ich mir da gar nicht mehr so sicher, was meiner Bewunderung aber kein Ende bereitet) beherzt beide Regeln, auch Björk zeigt mit ihrem neuen Album, dass sie sich der Gratwanderung bewusst ist. Deshalb wird eine wunderschön elegische Ballade wie „The dull flame of desire“ vom minimalistischen Digi-Punk in „Declare Independence“ torpediert. Deswegen trifft auf jeden kunstvoll arrangierten Bläsersatz eine grummelige Bassline. Deshalb folgt auf zarte Electronica obernerviges Soundgetümmel von Timbaland. Und aus demselben Grund sind die späten Alben von King Crimson besser als die frühen. Deswegen sind einige Stellen bei Van der Graaf Generator so geil. Weil hier etwas aufeinander prallt, das sich auf eine Art widerspricht, die beides zulässt ohne es miteinander zu versöhnen, und die Spannung aushält. Das System lebt vom Kontrast. Die spielerische Art, wie Björk auf ihrem neuen Album „Volta“ mit diesem Kontrast umgeht, sollte es eigentlich unmöglich machen, ihr vorzuwerfen, Prätentiös zu sein. Prätentiös ist Enya.
(Polydor, VÖ: 7.5.2007)

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