Gerhard Richters Domfenster und Musik von Glass, Cage und Feldman

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Tiefkultur wirft alle Ressentiments über Bord und begibt sich in die Niederungen der Hochkultur: Anlässlich der Einweihung von Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom gab es sogar einen Beitrag in der Tagesschau. In Köln wurde das Spektakel mit viel Tamtam und Bimbamborium bestritten. „Eine Ausstellung und zwei Konzerte“ hieß das Programm, das einen zunächst einen Blick auch die Vorarbeiten zum neuen Domfenster gewährte …

 Richter hat das Bild „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974 als Ausgangslage gewählt, das mit seinem säkularen Konzept, eine Farbpalette nachzustellen, ein Zittern im Dom auslöst. Und schön sieht es außerdem aus. In der Zeit erschien gerade ein spannender Artikel von Luca und Johanna di Blasi zum Thema. So macht Kunstgeschichte wieder richtig Spaß!

Im ersten Konzert, das in der Philharmonie stattfand, gab es  „Dance No. 4“ von Philipp Glass, ein Orgelstück aus dem Jahr 1979. Schneller Gedanke: So populistisch Glass‘ Musik auch ist, er und die weniger glatten Kollegen Steve Reich und Terry Riley haben als Vertreter der melodischeren und stark rhythmischen Minimal Music die Entwicklung der modernen Clubmusik nicht unwesentlich beeinflusst. Passagen aus dem Orgelstück erinnern ganz stark an Detroit-Techno à la Robert Hood oder andere Sachen vom Label Underground Resistance. Das Konzert hat mir zumindest einen Teil meiner Vorurteile gegen Glass genommen.

Es folgte von Morton Feldman „Why Patterns?“ für Flöte, Glockenspiel und Klavier von 1978, das zwar auch Minimal Music ist, aber aus einer ganz anderen Ecke kommt. Feldman, der ja gerne mal sechsstündige Stücke geschrieben hat (ich durfte mal ein solches Konzert in einer Kirche erleben, die sich nach zwei Stunden immer weiter leerte, bis am Ende nur noch die Hartgesottenen, meist liegend auf den Kirchenbänken, zurückblieben und zusammen mit den Musikern eine kaum beschreibbare Intensität erleben durften). „Why Patterns?“ ist längst nicht so eingängig wie das Glass-Stück, was sich auch daran zeigte, dass das Publikum zahlreich den Saal verließ. Dabei ist die Musik Feldmans alles andere als wild oder lärmig. Eher esoterische Qualitäten kommen den ruhigen, wenn auch arhythmischen Tonfolgen zu.

Danach ging es in den Kölner Dom zum Richter-Fenster und dem darunter aufgeführten Werk „Four 6“ (die 6 gehört hochgestellt, das kann ich hier aber nicht darstellen) von John Cage von 1992. Alleine das Kompositionsprinzip ist großartig: Seit 1987 machte Cage die so genannten Number-Pieces. Die erste Zahl benennt die Anzahl der Musiker, die hochgestellte Zahl dahinter numeriert die Stücke für diese Anzahl von Musikern durch. Partituren hat Cage dafür nicht mehr geschrieben. Für „Four 6“, das im Untertitel „Für jede Art der Klangproduktion“ ergänzt, gibt es nur folgende Vorgaben: Jeder Musiker sucht sich 12 Sounds aus, die er immer wieder reproduziert. Cage hat nun festgelegt, wann jeder Musiker welchen seiner (durchnummerierten) Klänge zu spielen hat. Dadurch bleibt die Struktur des Stückes vom Komponisten vorgegeben, die klangliche Ausformung liegt aber vollkommen in den Händen der Interpreten. Im Dom klang das  – vielleicht vor allem weil ich deren Platten gerade wieder gehört habe – ein wenig nach frühen Stücken von Cluster. Komischerweise sind die Massen an Leuten trotzdem geblieben. Vielleicht macht Kirche ja doch tolerant?      

         

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  1. Pingback: » Steve Reich (Konzert, 27.1.2009, Museum Ludwig/Philharmonie, Köln)

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