“Free Rainer” von Hans Weingartner (Interview)

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Rainer ist ein koksender Produzent von trashigen TV-Shows. Als er nach einem Attentat im Krankenhaus aufwacht, überdenkt er sein Leben und startet einen Kampf gegen die Trashkultur im Fernsehen … 

Hans Weingartner wird mit jedem Film enthemmter (hier meine Rezension zu Weingartners Erstling “Das weisse Rauschen”): Die Schlusspointe von „Die fetten Jahre sind vorbei“ (Review & Interview mit Weingartner hier) wirkt wie ein Teaser für „Free Rainer“, denn hier geht es der Unterhaltungsindustrie an den Kragen. Weingartner entfaltet ein wildes Pamphlet für die sinnvolle Freizeitgestaltung. Da wird freimütig über logische Schwächen hinwegbefreit und das ‚Gute’ im Menschen pathetisch hoch gehalten, der Spaß am Kampf für eine bessere Welt aber nie vergessen. Und daher ist das Unternehmen auch wahnsinnig sympathisch und verdient einen großen Publikumserfolg. Damit hätte sich die inhaltliche Utopie des Films auch gleich schon ein Stück weit in der Realität erfüllt: Auf dass er mit seiner zusammengeschusterten Melange aus linker Guerilla-Strategie und massenkompatiblem Kinospaß demnächst Hollywood unterwandert.

INTERVIEW MIT HANS WEINGARTNER:
„Die fetten Jahre sind vorbei“ endete mit einer Attacke auf das Fernsehen mittels Störsender. Eine Art Cliffhanger für „Free Rainer“, der ja wiederum mit einem Cliffhanger endet. Arbeitest Du an einer Film-Reihe?

Oh, nein, bloß nicht! Die Thematik der Gehirnwäsche beschäftigt mich allerdings schon länger und kommt daher in „Die fetten Jahre…“ schon vor. Trotzdem unterscheidet sich der neue Film sehr stark, weil er viel weniger sozialrealistisch ist und viel satirischer und absurder.

„Free Rainer“ wirkt im Vergleich zu den Vorgängern grob geschnitzt: Zu Beginn voll übersteuert, und auch später scheint der Film weniger an Genauigkeit und Analyse denn an Geste, Pose und Pamphlet interessiert zu sein. Eine wilde Utopie für die Spaß-Guerilla….?

Journalisten müssen ja damit arbeiten, aber ich finde solche Labels eher unangenehm, weil die meist nicht so genau sind. „Spaß-Guerilla“ ist ein etwas in die Jahre gekommener Begriff. Die Humorkomponente ist natürlich gewollt und die Strategie dahinter ist, dass ich eine gewisse Energie transportieren und zeigen will, dass man um so mehr Humor braucht, je größer das Problem ist. Das finde ich auch so gut an den Michael Moore Filmen.

Trotz der radikalen Inhalte beachtest Du auf der handwerklichen-ästhetischen Eben viele Regeln des Mainstreamkinos. Die Frauenfigur und das mit ihr einsetzende Klavier wirkt in dem Kontext fast schon wie eine Parodie …

Ich habe mir vorher überlegt: Willst du einen Film machen, der sich kritisch mit Massenmedien auseinandersetzt, der dann nur in den Arthaus-Ghettos von der bürgerlichen Elite gesehen wird, die ja kaum  von dieser Gehirnwäsche betroffen ist? Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich die Menschen erreichen muss, die betroffen sind. Und die erreiche ich nur, indem ich eine spannende Geschichte erzähle mit Identifikationsfiguren und mitreißender Musik. Es ist ein unterhaltsamer Film und kein Filmkunstfilm. Deswegen verwendet der Film gewisse Grundmuster und Techniken des Geschichtenerzählens. Ein medienkritischer Film muss nicht unbedingt frei von jeder konventionellen Methode sein. Die Logik wäre mir zu simpel.

Der Film versucht mit seinen Mitteln genau das, was die Figuren im Film versuchen, nämlich die Masse zu erreichen.

Ich versuche eben einen Film zu machen, der unterhaltsam ist und trotzdem nicht blöde. Die Botschaft des Films ist trotzdem immer noch sehr klar. Man darf nicht vergessen, dass das eine Satire ist und das immer eine Gratwanderung ist: Man spitz Figuren zu, arbeitet mit Übertreibungen. Aber es sollte immer so sein, dass der Zuschauer denkt: Das ist jetzt etwas krass, aber es hat einen wahren Kern. So hat auch Fassbinder immer gearbeitet. Das finde ich die ehrlichere Variante, als zu sagen, ich bin sozialrealistisch und was ich zeige ist die Wahrheit.
(Bundesstart: 15.11.2007)

Zuerst erschienen in choices 11/07

6 Gedanken zu „“Free Rainer” von Hans Weingartner (Interview)

  1. Basrian

    Ich finde er hat recht, und deine art, wie du ihn versuchst ganz trocken an die wand zu drücken sehr respektlos, schließlich hat der mann dir alles erklärt und dich auf deine “denkfehler” hingewiesen. Außerdem ist deine letzte frage sinnlos weil er die antwort schon in der frage davor gegeben hat. Zuhören musst du schon wenn du so jemanden interviewst.
    MfG
    Bastian aus Herford

  2. Basrian

    Der Film scheint nicht für dich gemacht zu sein aber das ist noch lange kein grund ihn zu verurteilen. Und wenn man die Nase mal senkt kann man die scheisse auch riechen die man da verzapft.(ist nicht so gemeint)

  3. tiefkultur Artikelautor

    Hallo Basrian,
    ein kleiner Verständnisfehler: Ich finde den Film gut!
    Ich frage nur nach (meines Erachtens allerdings nicht respektlos),
    wenn mir bestimmte Dinge auffallen, ungewöhnlich erscheinen,
    vielleicht auch fragwürdig. Darf man doch, oder? Sonst wäre das Interview vielleicht auch ein Stück langweiliger.
    Mit der letzten Frage habe ich mich nur scheinbar wiederholt:
    Ich wollte auf den lustigen, selbstreflexiven Dreh zu sprechen kommen,
    der in dieser Strategie “Subversives für die Massen” steckt. Hat nicht ganz geklappt …
    PS: Warum schreibst Du Sachen, die nicht so gemeint sind?

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