„John Difool: Der Incal“
von Alexandro Jodorowsky & Moebius (Sammelband)

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Heute Morgen kam die tonnenschwere Gesamtausgabe des ersten Zyklus’ von “John Difool: Der Incal” mit der Post. Große Freude! Die knapp 300 Seiten starke A4 Hardcover-Ausgabe ist ein schmucker Klotz …  

Das Cover ist zwar etwas ungewöhnlich und passt so gar nicht zu den außergewöhnlichen Zeichnungen der Serie, aber das kennt man ja: Mit dem Cover möchte man Käufer anlocken (übrigens wurde einfach das Cover des Sekundärbandes “Die Geheimnisse des Incal” genommen). Als ich den Wälzer durchblättere staune ich nicht schlecht! Sollte mich meine Erinnerung so sehr täuschen? Die Farben der eigentlich quitschbunten, aber sehr transparent kolorierten psychedelischen Science Fiction Serie aus den 80er Jahren – stark beeinflusst von der nicht realisierten „Dune“-Verfilmung des chilenischen Regisseurs Alexandro Jodorowsky („El Topo“, „Montana Sacra“), der dafür Mitte der 70er Jahre Kontakt zu Moebius aufgenommen hatte – wirken hier sehr geerdet, realistisch und doch sehr plastisch (ich meine jetzt nicht plastisch, sondern nach Plastik aussehend – wie formuliert man das bitte?). Dann sehe ich erst: Die ursprünglich sechs Bände des Incal erscheinen im Sammelband mit einer neuen Kolorierung von Valérie Beltran. Warum das? War die alte nicht gut genug?

Leider verhält es sich genau umgekehrt: Es ist schon merkwürdig, überhaupt an so etwas wie eine Neukolorierung zu denken. Erfüllt das den Zweck einer Neuinterpretation / einer Coverversion / eines Remixes? Als so etwas wird der Band ja nicht verkauft, sondern als Sammelband des Incal (Was er aber nicht ist! Es ist jetzt ein neuer Comic!). Diese computergestützte Kolorierung im Stil aktueller Ami-Comics oder auch der neueren Nebenserien des Incal wie „Techno-Väter“ oder „Meta-Barone“ fühlt sich eher wie eine ‚Modernisierung’ an. Eine Modernisierung, so wie man ein Layout einer Zeitschrift updated oder die Karosserie eines Mercedes neu designed. Steckt also der Gedanke dahinter, dass die alte Kolorierung inzwischen nicht mehr gut ist, weil es neue technische Möglichkeiten gibt? „Der Incal“ ist aber ein Kunstwerk, das es so gibt, weil es zu einer bestimmten Zeit auf eine bestimmte Art gemacht wurde und das diese Zeit in sich trägt. Da führen dann auch technische Bedingungen zu bestimmten Ergebnissen. Klar, so ist das. So war das auch früher bei Schwarzweißfilmen, als es noch keinen Farbfilm gab (und tatsächlich gab es ja mal eine ebenso unangenehme Mode, alte s/w-Filme einzufärben). Die farblich überdrehte Handkolorierung war neben der verwirrenden Story um den Space-Detektiv John Difool als Retter des Universums aber vor allem künstlerischer Ausdruck (u.a. von Yves Chaland). Ein Meer ist darin nicht rot, weil es mit der Hand statt mit dem Computer koloriert wurde. Das gleiche rote Meer ist in der neuen Kolorierung aber tatsächlich blau-grau. Psychedelic und Surrealismus auf der Farbebene wird einfach durch metallisch-glänzenden Realismus mit Air-Brush Flair eingetauscht. Als würde man ein expressionistisches Bild einer ‚Farbkorrektur’ unterziehen oder aus einer Platte von The Velvet Underground für eine Neuauflage das Feedback filtern.
Warum ich solch eigentlich selbstverständliche Dinge hier ausbreite? Weil sich im Comicforum die Mehrheit über die neue Kolorierung freut. Das zeigt, dass sogar Comic-Fans häufig das Verständnis dafür fehlt, dass Comics Kunst sind bzw. sein können. Ob Moebius selbst über die Kolorierung verfügt hat, ist unklar. Wolf Stegmeier, der Redakteur des deutschen Incal-Bandes, weiß auch nichts Genaues darüber. Aber die deutsche Ausgabe ist nur eine Lizenzierung des bereits vor einem Jahr in Frankreich erschienenen Originalbandes. Unwahrscheinlich, dass Moebius da übergangen wurde. Um so bitterer, dass er dann wohl auch selbst die Originalkolorierung seines Klassikers verbesserungswürdig fand. Demnächst erscheint auch die Gesamtausgabe des zweiten Zyklus „Vor dem Incal“. Ich bin gespannt auf die Farben.
(Ehapa, VÖ: 11/07)

6 Replies to “„John Difool: Der Incal“
von Alexandro Jodorowsky & Moebius (Sammelband)”

  1. Schoen hier. Faszinierenderweise bin ich bzgl. der Colorierung derselben Meinung. Wenn’s konveniert, komm ich gern öfter…

  2. Die Frage ist doch, warum so eine neue Auflage überhaupt existiert.
    Die neue Colorierung ist meiner Meinung nach gerade die Rechtfertigung dafür.
    Wenn ich die alten Farben sehen möchte, dann schaue ich mir doch
    einfach die alten Comics an.

    …und ja, die neue Colorierung gefällt mir, denn die lässt mich die Story durch
    ihren höheren Realismus in anderer Art aber intensiver miterleben, weil die Immersion
    besser unterstützt wird.

  3. Hai Christian!
    Ich bin völlig Deiner Meinung. Mich würde die Empörung interessieren, wenn jemand auf die Idee käme, den „Mann mit dem Goldhelm“ mit Gold-Metallic-Lack nachzubehandeln oder auch nur mit echtem Blattgold zu belegen.
    Zu Deiner Frage „. . . wie formuliert man das bitte?“ hätte ich eine Antwort: „plastiksch“! Das hat auch ein bisschen was Abfälliges im Klang, finde ich.
    Gruß
    Sönke

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