„Rio Baile Funk“-Party mit Daniel Haaksman und
MC Gringo (Party, 3.2.2008, Stadtgarten, Köln)

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Nach der fantastischen Dubstep-Party im Sommer sollte ich jetzt die Möglichkeit haben, einen weiteren neuen Partysound jenseits des Homelistenings adäquat erleben zu dürfen. Das fing aber gar nicht gut an …

Angekündigt war eine „Rio Baile Funk Night“ mit MC Gringo und Daniel Haaksman. MC Gringo alias Bernhard Weber bewegt als aus Stuttgart stammender und inzwischen in Rio etablierter MC mit seinem ungewöhnlichen Lebenslauf nicht nur die Musikpresse, sondern auch die Feuilletons. Sein erstes Album „Gringão“ ist Ende des letzten Jahres erschienen, seit neuestem gibt es auch eine Kolumne von ihm in der taz. Und er ist neben M.I.A., Diplo und einigen anderen vielleicht einer derjenigen, die das sehr regionale Phänomen des Rio Baile Funk in die weite Welt hinaustragen könnten. Daniel Haaksman hat mit den beiden erfolgreichen, von ihm kompilierten und gemixten CDs „Favela Booty Beats“ und „More Favela Booty Beats“ bereits seinen Teil dazu beigetragen.  

Hinter dem Eingang war eine Kulisse aus Bretterbuden und Abflussrohren inklusive Pappmaché-Ratten aufgebaut. Unter adäquat hatte ich mir eigentlich nicht vorgestellt, dass man den ärmlichen Herkunftsort der Musik, die brasilianischen Favelas, von der Abteilung Bühnenbau nachstellen lässt. Als ich den Partyraum betrete, werde ich nur noch skeptischer: Gerüste, Schaufensterpuppen und Müllkontainer aus Pappe verströmen den abschreckenden Flair – Achtung: Tautologie! – schlechter Musicals. Etwas zynisch finde ich das schon und bin daher auch etwas geschockt, als auch noch anstelle eines DJs eine lokale Sambagruppe auf der Tanzfläche den Ton angibt. Dann machts Klick – in Köln ist Karneval!

Also alles halb so wild: Die Kulisse ist dadurch zwar nicht gelungener, aber es handelt sich nur um die karnevalistische Sonderausstattung des Stadtgartens. Immerhin kann ich die Zynismus-Sorge wieder streichen. Und die Sambagruppe rockt mit dieser entspannenden Erkenntnis im Kopf eigentlich ganz gut. Dann darf auch noch der unerschrockene, heldenhafte Harald ‚Sack‘ Ziegler seine wunderbaren Waldhorn-Loops auf das dezent konsternierte Publikum loslassen. Nach einem mittelmäßigen Aufwärm-DJ kommt dann endlich MC Gringo auf die Bühne. Die Merkwürdigkeiten wollen an dem Abend aber einfach nicht abreißen – er hat sich entschlossen, eine halbe Stunde zur Gitarre Klassiker brasilianischer Musik anzustimmen. Das brasilianische Publikum genießt es, der Rest ist eher irritiert. Aber MC Gringos Entertainerqualitäten sind damit schon bewiesen.  

Und dann kommt doch noch so etwas wie ein Party zustande: Haaksman feuert harte, kantige Tracks ab. Die klischeebesetzten Attribute sind hier allerdings sehr passend. Denn zum einen ist der Sound des Rio Baile Funk tatsächlich sehr rau. Entstanden aus einer Übersetzung von Miami Bass, jenem electrolastigem Hip Hop-Sound mit explizit sexistischen Texten (2 Live Crew), ins brasilianische: Gerapt wird in portugiesisch, die Musik wird mit brasilianischen Samba-Beats angereichert. In jüngerer Zeit wird zunehmend früh-90er Rave-Sound gesampelt – von Old-School Breakbeats bis zu Alarmsignalen aller Couleur. Und auch die Beatles, Madonna oder The Clash werden nicht verschont: Wilder Bastard Pop! Zum anderen wird hier wirklich gefeuert. Hier glücklicherweise doch nur akustisch, aber die Soundsalven rekurieren – ähnlich wie im Gangster-Rap – auf die tatsächliche Gewalt im angestammten sozialen Umfeld dieser Musik, den Favelas von Rio. Die reißerische Variante davon gibt es hier zu lesen, eine etwas weniger heißblütige Version erzählt der Zeit-Artikel „Ein Mikro für MC Gringo“. MC Gringo nimmt nach seinem Akustik-Set dann tatsächlich das Mikro in die Hand und liefert ein energetisches halbstündiges Programm ab und entfacht damit eine Stimmung wie in einer Dancehall inklusive der sexuell aufgeladenen Atmosphäre. Was Haaksman danach spielt, kann in Sachen Irrwitz aber noch einiges zulegen: Sampleorgien und grob zusammengehauene Breakbeats versetzten einen in aufgedrehte, hypernervöse Stimmung. Ich kann in dem Moment nur denken: Minimaltechno ist für Spießer! Glücklich und mich unglaublich aufgewühlt unspießig fühlend gehe ich schließlich zu meinem von festen Wänden umgebenen mittelständischen Wohlstands-Bettlager in die Rezeptionsfalle.   

Sehr lustig übrigens, dass man hier immer noch verfolgen kann (das www vergisst nichts), wie sich Haaksman und MC Gringo langsam kennenlernen (in den dortigen Kommentaren bewirbt Haaksman nämlich seine erste Baile Funk-CD, woraufhin Gringo ihn aus Brasilien als Poser beschimpft. Ein Jahr später scheinen sie Freunde geworden zu sein …)

Coole Rio Baile-Mixe gibt es bei Mr. Phipson als Podcast (ich empfehle den einstündigen „Baile Funk vs. Kuduro“ – ca. 50MB als mp3). 

3 Antworten auf „„Rio Baile Funk“-Party mit Daniel Haaksman und
MC Gringo (Party, 3.2.2008, Stadtgarten, Köln)“

  1. Tja … daher sieht man ja woher der Wind weht.
    Geht es um die gute Sache, oder doch um die Kohlen.
    Bei Geld hört nach dem Volksmund Freundschaft auf … scheinbar Feindschaft auch.

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