Ocrilim: „ANNWN“

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Uff, es ist fürchterlich, wie abgeklärt, wenn nicht abgestumpft man nach vielleicht 300 Jahren Popmusik hören und 100 Jahren Musikkritik schreiben wird. Und wie schön es ist, wenn man dann zwischendurch … doch immer mal wieder etwas findet, das einen mit offenem Mund staunen lässt, einem einen kalten Schauer über den Rücken jagt und beim hören nicht zugleich an zig ältere Platten oder Bands denken lässt. Das passiert tatsächlich immer mal wieder und ist dann ein nur schwer beschreibbarer Glückszustand. Zuletzt hat das vor allem Baile-Funk, Afro-Zeugs und Black Metal geschafft. Im alleralleraller weitesten Sinn passt Mick Barr alias Ocrilim zu letzterem. Zumindest das grafische Band-Signum erinnert an BM und der Gitarrenstil verweist auf Metal. Und doch landet man bei Ocrilim in einer ganz anderen Welt.
Mick Barr war kurzzeitig Mitglied bei den Flying Luttenbachers, dem jüngst aufgelösten Free-Rock-Projekt von Weasel Walter. Mit seinem Soloprojekt Ocrilim türmt Mick Barr Gitarrenspuren übereinander: Sieben 10- bis 15-Minütige Orgien findet man auf seinem neuen Album „ANNWN“, die Stücke sind schlicht mit Part 1 bis 7 durchnumeriert. Was macht er da genau? Barr spielt, als würde er ein Metalsolo à la Slayer inklusive Hammering vom Rock- und Band-Kontext losgelöst endlos dehnen. Schlagzeug, Bass, Keyboards oder Gesang gibt es nicht – nur Gitarrensound. Auch keine schweren Riffs oder Akkorde und keine Drones. Stattdessen irre schnelles Picking von Einzeltönen, die nur so durch den Raum fliegen, die eine Stimmung großer Erhabenheit ausstrahlen – zugleich flimmernd und glänzend, aber auch düster und bedrohlich. Spontan fällt mir als nur unzureichender Vergleich „Wrede – A Cruel Peace“ (’88) von der holländischen Band Gore oder „Red“ von King Crimson ein. Aber nur in Bezug auf die Grundstimmung. Eigentlich ist „ANNWN“, wie angedeutet, mit nichts vergleichbar. Großartiger Abstrakt-Metal.
(Hydra Head, VÖ: 17.3.2008)

Hier noch eine dufte Kritik von einem Conni auf metal.de. Er gibt der Platte 2 von 10 Punkten.