“Michaels Reise um die Erde”
von Karlheinz Stockhausen
(Konzert, 26.8.2008, Philharmonie, Köln)

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Ich bin alles andere als ein Stockhausen Kenner, und schon gar kein Opern-Fan. Aber die Neugierde auf die Aufführung einiger Passagen aus dessen Oper “Donnerstag” durch das Ensemble musikFabrik war groß …Genau eine Stockhausen-Platte nenne ich mein Eigen (so ein schickes Wergo/ Hör zu ‘Black Label’ Album mit Stücken aus den 60er Jahren und tollem Schweineohren-Teilchen Cover). Die hat mich bei der Vorbereitung auf das Konzert aber etwas in die Irre geleitet. Denn den Minimalismus der Ein-Instrumentenstücke findet man bei Stockhausen so später nicht mehr. Sein Hauptwerk, die 29-stündige Oper „Licht“, ist in seiner Vielseitigkeit kaum zu fassen. Stockhausens Traum war es, die ganze Welt zu Musik zu machen.
Im letzten Dezember ist er überraschend gestorben – am 22. August hätte Karlheinz Stockhausen seinen 80. Geburtstag gefeiert. Die Kölner Philharmonie nahm das zum Anlass, den Kölner Komponisten von Weltruhm gebührend zu feiern. Er wurde 1928 bei Köln geboren. 45 Jahre lang arbeitete er im Studio für Elektronische Musik des WDR (Irmin Schmidt und Holger Czukay von Can waren seine Schüler) und beeinflusste die Geschichte der elektronischen Musik, auch der populären Stile wie Krautrock oder Techno, entscheidend. Er ist einer der bedeutendsten Komponisten der Neuen Musik. Auf die Zwölftonmusik aufbauend, hat er zusammen mit anderen die serielle Musik entwickelt, deren klare und rationale Struktur Schönbergs Konzept radikalisierte. Mit der Hinwendung zur elektronischen Musik konnte Stockhausen unabhängig von der Interpretation durch Musiker die Klarheit seiner Vorstellungen präzisieren. Sein starkes Interesse an räumlichen Aspekten der Musik gestaltete er zunehmend szenisch wie visuell aus. Ein Traum führte auch zu seinem legendären „Helikopter-Streichquartett“ für ein Streichquartett und vier Helikopter, ebenfalls aus der Oper „Donnerstag“ aus „Licht“.
Das Setting in der Philharmonie war also wider Erwarten opulent: An die 30 Musiker waren auf der Bühne, die durch einen feinen Maschenvorhang vom Publikum getrennt war. Dahinter sah man außerdem eine Art Parabolspiegel auf Rädern und eine Art Hebekran. Ersterer diente ebenso wie der Vorhang als Projektionsfläche, in letzterem wurde der Trompeter Marco Blaauw, der das Stück prägende Solist, über die Bühne geschoben und gedreht – auch mal kopfüber. Nach der kollektiv vorgetragenen Einleitung kreiste im Folgenden alles um Blaauw in der Rolle des Erzengels Michael, der sich aus dem All der Erde nähert, dort allerlei existenzielle und vor allem düstere Begebenheiten erblickt (bis hin zu Bildern vo 9/11– höchst ironisch nach Stockhausens skandalträchtigem Kommentar zum Anschlag auf das World Trade Center) und schließlich auf das Überirdische Wesen Eva trifft mit der er sich ein musikalisches Techtelmechtel liefert. Die Inszenierung ist vor allem überwältigend, und man weiß nicht immer, ob man dem Bühnengeschehen, den Projektionen oder der Musik die meiste Beachtung schenken soll. Oder doch noch mal versuchen soll, alles auf einmal im Blick zu behalten. Sie hat aber ebenso auch leise poetische Momente und zuweilen sogar etwas kitschige. Das liegt aber nie an der Musik selbst, die zwar auch Schönklang beweist, aber eben deutlich Neue Musik ist. Es liegt eher an den Projektionen und den Kostümen der Solisten. Den überaus positiven Gesamteindruck kann das aber kaum mindern und trotz aller Extreme war der Applaus in der ausverkauften Philharmonie enorm.

(Foto l.: Reinhard Werner; Foto r.: Klaus Rudolph)