Deichkind (Konzert, 18.1.2009, Palladium, Köln)

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Ich Schlafmütze hatte den Wandel von Deichkind voll verpennt. Jetzt wollte ich aber unbedingt dabei sein … Der mäßig lustige Hip Hop der Hamburger hat mich nie sonderlich interessiert, daher habe ich ihre Mutation zu den Remmidemmi-Krawallmachern, die sie jetzt sind, nicht mitbekommen. Erst mit dem Nachfolgealbum zu “Aufstand im Schlaraffenland (“Angriff aufs Schlaraffenland” hieß mal eine Single der guten NDW-Band Die Radierer – eine von 1000 Anspielungen der Deichkinder) hab ich’s dann langsam begriffen: Deichkind sind inzwischen Electro-Rocker mit Stadionsound geworden, musikalisch irgendwo zwischen Ghetto-Tech von den Detroit Grand Pubahs und Proto-Electro mit Rap, live geben sie größenwahnsinnig die genialen Dilletanten. Also nichts wie hin! Dass sie gut zehn Jahre älter sind als die meisten im Publikum (im Schnitt höchstens Mitte 20), merkt man an den Videos, die vorab auf Großleinwand Stimmung machen sollen: alles früh-90er Jahre Hip Hop, House und Big Beat (alles Klassiker von Daft Punk über Cypress Hill zu Fatboy Slim – sie scheinen keine Angst davor zu haben, daneben zu bestehen). Das Publikum – übrigens zum Teil ähnlich wirr verkleidet wie die Deichkinder (das hatte im Januar sicherlich noch nichts mit dem Kölner Karneval zu tun) – kennt’s aber, obwohl es sicherlich zum Großteil zu der Zeit noch im Kindergarten oder der Grundschule war. Es folgt nach einer halben Ewigkeit ein Star Trek mäßiges Homevideo der Bandmitglieder, die endlos durch Kellergewölbe irren, bevor sie zur Bühne gelangen und dann natürlich real plötzlich ebendort stehen. Emerson, Lake & Palmer hätten ihre Show nicht pathetischer starten können. Nur, dass bei Deichkind natürlich alles uneigentlich und um die Ecke gedacht ist. So fahren sie auch eine aufwändige Bühnenshow auf, aber bewahren immer einen charmanten Selfmade-Gestus. Pappmaché rules! Und nun kann das wilde Zitatenkarussel auf der Bühne weitergehen: Kraftwerk machen sie uns am Laptop stehend bei “Ich und mein Computer” (sogar mit Kraftwerk-Sample – was das wohl kostet …), die Residents gucken um die Ecke, wenn drei wilde Figuren mit Dreieck auf dem Kopf und ein Skelett umhertanzen, an Daft Punk erinnert das, wenn die Papp-Dreiecke zu wild blinkenden LED-Inseln werden, die Trampoline zieren betont schrottig aufgeklebte Deichkind-Embleme, die 1:1 dem DK von den Dead Kennedys gleichen, die Bierspritzschläuche erinnern deutlich an die frühen Auftritte der Beastie Boys (ihre mitt-80er Prollphase). Wenn in der kulturellen Richtung nichts mehr kommt, stürzen sie sich enthemmt in die Südkurve oder landen kurz beim Ballermann. Gefährlich nah ist das, aber trotz allem hat man auch dann, wenn sie ihre Saufslogans raushauen und gröhlend mit dem Schlauchboot über den Köpfen des Publikums kreisen, immer noch das Gefühl, dass die Herren, inzwischen mit rauhbein Ferris MC als Verstärkung unterwegs, einen Hintergedanken mit schicken, der vielleicht etwas intelligenter ist als der unbedarfte Teil des Publikums. Ohne Hintergedanken funktioniert die Party aber natürlich genaus so gut. Im vollen Palladium kann man rein technisch gar nicht anders, als zu hüpfen – der ganze Laden wogt. Referenzen hin oder her – tolle Party!

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Ein Gedanke zu „Deichkind (Konzert, 18.1.2009, Palladium, Köln)

  1. sebbe

    Das Konzert war der hammer! Dein Text ist gut, so viel Hintergundwissen ahtte ich mit meinen 18 Jahren natürlich nicht. Ich denke aber dennoch ähnlich was ihren Gedanken bei der Lieder angeht. Gerade das finde ich so geil! Deichkind verarsch irgendwie alles, ohne Angst oder Scham! Das muss so bleiben!

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