„Kleine Tricks“ von Andrzej Jakimowski

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Eine Kleinstadt in Polen: In dieser Idylle scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Während der 7jährige Stefek die Welt erforscht, bereitet sich seine ältere Schwester auf ein Bewerbungsgespräch vor. Dann taucht der verschollene Vater wieder auf … Es ist fast wie eine Bilderbuchwelt, in der der siebenjährige Stefek lebt. Eine idyllische Kleinstadt, umgeben von Hügeln, ein Fluss und eine Eisenbahn schlängeln sich hier durch. Sogar die Farben des Films sind gelbstichig wie auf alten Fotos, die man mit sentimentalem Blick lächelnd in die Hand nimmt. Und trotzdem kann man dem Film nicht vorwerfen, verklärt und kitschig zu sein. Überall an den Hauswänden zeichnen sich Risse ab, und man findet sie auch in den Figuren, die diese Welt bevölkern.
Stefek lebt zusammen mit seiner 18jährigen Schwester Elka und der Mutter in einem heruntergekommenen Viertel. Das sommerliche Wetter ist hier eigentlich das einzige, das hoffnungsvoll stimmen könnte. Außer dem Gebäude der Firma, bei der sich Elka bewerben möchte, ist hier alles alt und heruntergekommen. Wirtschaftliches Wachstum, Fortschritt – so etwas gibt es in diesem Örtchen nicht. Doch Stefek imaginiert sich seine eigene Welt. Ständig denkt er sich neue Spiele aus, mit denen er die Wirklichkeit ergründet und erforscht, in sie eingreift und sie begreift. Mit Zinnsoldaten versucht er Leute aufzuhalten, mit einem Trick versucht er, einem glücklosen Apfelverkäufer zu helfen, und mit Geldstücken, die er auf die Schienen wirft, stellt er die Fahrgäste auf die Probe. Einer wird schließlich fast von einem Zug überfahren, weil er sich das Geld angeln will. Dabei entdeckt Stefek ganz aufgeregt einen Mann, der sein Vater sein könnte. Seine Schwester reagiert auffällig reserviert. Sie scheint in dem Mann tatsächlich den gemeinsamen Vater, der vor Jahren ihre Mutter verlassen hat, zu erkennen. Von nun an setzt Stefek alles daran, diesen Mann zu seiner Mutter zu locken.
Andrzej Jakimowski zaubert mit seinem zahlreich prämierten Film aus einer maroden Kleinstadt, die für jede Reportage über die miserable wirtschaftliche Lage in Osteuropa ein gefundenes Fressen wäre, einen kindlichen Traum voller Poesie. Man fühlt sich an die legendären tschechischen Kinderfilme der 60er und 70er Jahre erinnert. Das auch in der Gegenwart Reizvolle und gar nicht Naive an Jakimowskis Welt ist die Konfrontation dieser poetischen Einfärbung mit der dahinter sichtbaren Wirklichkeit. Die beiden jungen Hauptdarsteller, der kecke Damian Ul und die bezaubernde Ewelina Walendziak, sind beides Laiendarsteller, die den Zuschauer mit ihrer Natürlichkeit entwaffnen. Die Bilder von Adam Bajerski und die verträumt-melancholische Musik von Tomasz Gassowski tun ihr Übriges, um den Zuschauer in diese verzauberte Wirklichkeit zu ziehen.
(Bundesstart: 23.7.2009)

Zuerst erschienen in choices 07.09