„Inglorious Basterds“ von Quentin Tarantino
(mit Leser-Briefwechsel)

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Im besetzten Frankreich organisiert sich eine Sondereinheit amerikanischer Juden, um gezielt Jagd auf Nazis zu machen …Bereits mit „Death Proof“ hatte Quentin Tarantino angefangen, die Geschichte der B-Movies umzuschreiben. Einerseits gewinnt er noch den irrsten Plotpoints und den holprigsten Schnitten der oft unfreiwillig komischen Vorlagen einen Coolnessfaktor ab. Andererseits, und das ist das Tolle an seinen im Mainstream platzierten Filmen, stellt er die oft moralisch fragwürdigen Stories auf den Kopf: Statt Sexploitation erlebten wir in „Death Proof“ coolen Feminismus. Statt Naziploitation wie in „Love Camp 7“ oder „Ilsa, She Wolf of the SS“ startet Tarantino jetzt einen kompromisslosen, jüdischen Rachefeldzug mit großem Staraufgebot. Der Clou: Er zeigt nicht nur, dass Kino so viel mehr kann als akurate Nachstellung der Geschichte wie in „Der Untergang“ (inklusive pietätvollem Kameraschwenk, wenn sich Hitler erschießt), in dem es die Geschichte verändert. Er legt das auch noch schön doppelbödig an: Hier werden nicht Juden in eine Kirche gepfercht, die dann angezündet wird. Hier werden Nazis in ein Kino gepfercht, dass dann angezündet wird. Wenn Hitlers Gesicht von Kugeln zerlöchert wird, hält die Kamera drauf: ein politisch korrektes Revenge-Movie. Nicht, dass man deswegen die Originale nicht mehr sehen sollte. Tarantino wäre der letzte, der das gutheißen würde. Aber letztlich macht es doch mehr Spaß, zuzusehen, wenn Juden Nazis abschlachten, als wenn Nazis Frauen quälen. Behaupte ich mal.
(Bundesstart: 20.8.2009)

PS: Habe zu einer etwas kürzeren Version des Textes einen charmanten (nicht anonymen, hier aber natürlich anonymisierten) Leserbrief erhalten:
„Guten Tag, Herr Meyer!
Am Schluß Ihrer Kurzrezension von Tarantinos „politisch korrektem Revenge Movie“ >Inglourious Basterds< behaupten Sie also mal:
„… letztlich macht es doch mehr Spaß zuzusehen, wenn Juden Nazis abschlachten,als wenn Nazis Frauen quälen.“In dieser interessanten Aussage verbinden Sie Antifaschismus und Humanismus ja wirklich auf’s überzeugendste. Masturbieren Sie bei dem Spaß auch – wenigstens so ein bißchen in Gedanken? Und wie finden Sie denn den hier: „Neonazis in die Gaskammer!“
Wissen Sie was, Rächer Meyer: Politisch korrekte Maulhelden, die dermaßen widerwärtiges – und dabei schwerdämliches – Zeugs absondern, stehen den Unmenschen, gegen die sie sich so heftig wenden, moralisch womöglich doch ein paar cm näher, als sie sich selbst je eingestehen würden. Behaupte ICH jetzt mal.

Mit antifaschistischem Gruß,
XX

Meine Antwort:
Hallo Herr XX,
ein „Neonazis in die Gaskammer!“ hat mit Tarantinos symbolischemPop-Gestus so viel zu tun wie ein Amoklauf an einer Schule mit einem Ego-Shooter. Wahrscheinlich sogar noch weniger.
Wenn für Sie beides identisch ist, kann ich Ihnen den Film nicht empfehlen.

Mit ganz normalem Gruß,
Christian Meyer

Seine Erwiderung:
Pardon, Herr Meyer, aber wie Sie sehr wohl verstanden haben dürften, ginges mir durchaus nicht um Tarantinos etwas albernen Film sondern explizit um Ihren elenden Scheißsatz.

Schöne Zeit noch
XX

2 Antworten auf „„Inglorious Basterds“ von Quentin Tarantino
(mit Leser-Briefwechsel)“

  1. Leserbriefschreiber haben den Komparativ noch nie verstanden. Die Zielgruppe begrüßt allerdings ausdrücklich die veröffentlichung solcher Sekundärtexte. mehr davon!

    … bliebe nur noch die Frage mit dem Onanieren zu klären.

  2. „Neonazis in die Gaskammer“ ist ein ganz normaler politisch unkorrekter Ausspruch aus dem düsteren Keller des Gefühlslebens eines gewöhnlichen Antifaschisten, nach 5-7 Bier kommt sowas schonmal an die Oberfläche….
    Nein, onaniert habe ich weder während noch nachdem ich Inglourious Basterds geschaut habe, Sex und Gewalt sind in meinem Gehirn getrennt…Aber ich hatte das Gefühl tiefer Zufriedenheit, angesichts der gezeigten Gerechtigkeit…

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