„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Jon J. Muth

m-comic.jpg

Es gibt wahrscheinlich wesentlich mehr Verfilmungen von Comics als es Comic-Adaptionen von Filmen gibt. Letzteres ist im Gegensatz zur Verfilmung eines Comics meist nur eine billige Zweitverwertung in der Wertschöpfungskette großer Blockbuster … Jon J. Muths Adaption von Fritz Langs „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ muss in diesem Genre alleine deshalb besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, weil es diese industrielle Wertschöpfungskette in der Filmkunst, zudem bei einem fast 100 Jahre altem Filmkunstklassiker, nicht gibt. „M“, der Comic, ist kein schnödes Industrieprodukt, sondern ein eigenständiges Werk. Man spürt diesen Anspruch auf jeder Seite: Die Panels des Comics gleichen eher Gemälden als Zeichnungen. Muths visuelle Gestaltung ist für einen Comic dieses Umfangs ungewöhnlich aufwendig.

Weil Comic wie Film Bildmedien sind, steht bei einer Adaption neben der Frage nach der Übersetzung der Story vor allem die Übertragung der visuellen Ästhetik im Vordergrund. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zum Verhältnis von Literatur und Film, da hier ein visueller Vergleich nicht möglich ist. Muth hat scheinbar eine große Nähe zu der filmischen Vorlage gesucht. Wie viele Comiczeichner hat auch er mit fotografischen Vorlagen gearbeitet. Für „M“ ging er allerdings soweit, ganze Szenen fotografisch nachzustellen. Anschließend wurden diese Vorlagen in realistischen Bildern umgesetzt. Das Ergebnis ist dennoch sehr artifiziell. Denn der fast fotorealistische Stil erfährt nebelhafte Übermalungen, und partielle Kolorierungen lenken den Blick auf Details. Muths Bilder entfalten eine unwirkliche, bedrohliche Stimmung, die sich düster über die Hatz auf den Kindermörder im Berlin der Weimarer Republik legt. Einige wenige farbliche Akzente lenken den Blick des Betrachters. Während Muth für die Erzählung einen guten Rhythmus findet und die Geschichte mit gut ausgewählten Bildern und Szenen spannend zu erzählen weiß, wirken die klassischen Sprechblasen in diesem Umfeld ein wenig lieblos.

Bereits in den 90ern gab es bei dem Comicverlag Feest einen Versuch, Jon J. Muths Adaption von Fritz Langs Filmklassiker zu verlegen. Er ist wie einige Serien dieser Zeit wegen geringem Erfolgs versandet. Der Comicverlag Cross Cult, der sich auf eine bibliophile Veröffentlichung von bereits verfilmten Comic-Klassikern spezialisiert hat („Sin City“, „From Hell“, Hellboy“) ging die Veröffentlichung nun konsequent als Gesamtausgabe an, die von einem Nachwort des Autors und einer ausführlichen Einführung von Georg Seeßlen begleitet wird.
(Cross-Cult)

Zuerst erschienen in Filmdienst 17/2009 (hier die unlektorierte Fassung)