„Antichrist“ von Lars von Trier

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Ein Paar trauert um sein totes Kind. Vor allem die Frau droht daran zu zerbrechen. Um den Verlust und das Schuldgefühl therapeutisch zu überwinden, ziehen sie sich in eine einsame Waldhütte zurück … Lars von Triers neuer Film „Antichrist“ hat bereits im Vorfeld viel Getöse verursacht. Dass das im Bergischen Land mit den beiden großartigen Darstellern Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg gedrehte Werk ein Horrorfilm im weitesten Sinn werden wird, war schon früh klar. Doch nach der Pressevorführung in Cannes im Frühjahr des Jahres saß der Schock zunächst tief und brach sich dann bei einigen Journalisten in lauter Empörung Bahn – der Film sei eine Beleidigung. Baz Bamigboye von der Daily Mail forderte auf der Pressekonferenz vom Regisseur wütend eine Rechtfertigung für den Film. Andere Kollegen standen dem Regisseur bei, so dass es dann doch nicht zur Hexenjagd kam. Das wäre in Anbetracht einiger der Filmthemen auch unpassend gewesen. Inzwischen hat sich Baz Bamigboye wieder beruhigt, wie man seinem Blog entnehmen kann. Doch der Film polarisiert nach wie vor.

Jenseits von Eden

Ein namenloses Paar verliert in einer Winternacht den Sohn. Im kunstvoll inszenierten Prolog sehen wir, wie das Paar Sex hat, während der Junge aus seinem Kinderbett klettert, kurz die Eltern erblickt und dann, angezogen von den weißen Schneeflocken, aus dem Fenster fällt. Bereits dieser Prolog verstört mit seiner unglaublich schönen Darstellung dieser Tragödie in schwarzweißer Slowmotion. Es folgen die drei Kapitel „Trauer“, „Schmerz (Chaos regiert)“ und „Verzweiflung“ (Zwischentitel gemalt von Per Kirkeby), bevor der Epilog in ebensolcher Schönheit den Film beendet. Die Kapitel dazwischen zeigen das Paar im Ringen mit der Trauer und der daraus folgenden Auseinandersetzung miteinander. Vor allem sie leidet unter dem Verlust, ist von Schuldgefühlen zerfressen und schwankt zwischen Apathie und selbstzerstörerischen Exzessen. Da sich in der stationären Therapie keine Fortschritte zeigen, beschließt der Mann – selbst Therapeut –, die Gesundung seiner Frau zu übernehmen. Gemeinsam fahren sie in das abgelegene Waldhaus „Eden“, in dem die Frau im letzten Sommer mit dem Jungen den Urlaub verbrachte. Dort arbeitete sie an einer wissenschaftlichen Arbeit über die jahrhundertelange Unterdrückung von Frauen. Anscheinend löste ihre Beschäftigung mit Hexenjagd und anderer männlicher Dominanz und Gewalt subtile Aggressionen gegen ihren kleinen Sohn aus. Zugleich entstand daraus ein zwiespältiges Verhältnis zu der sie umgebenden Natur. All das bricht ein Jahr später wieder auf, als sie mit ihrem Mann zur Trauerarbeit anreist. Er versucht, sie rational zu verstehen, sie entzieht sich ihm auf eine emotionale, mystische Ebene. Der Konflikt steuert langsam auf ein radikales Ende zu.

Kunstkino

Lars von Trier wird gerne vorgeworfen, ein Provokateur zu sein. Vielleicht provozieren die Filme, sie sind aber nie Provokation als Selbstzweck. Dafür sind sie zu reich an Themen, Verweisen und Anspielungen. Sie erzählen immer auf eine eindringliche, emotionale Art, dass der Vorwurf der Porntorture à la „Saw“ oder „Hostel“ lächerlich ist. Mit „Antichrist“ bedient sich Lars von Trier sehr frei beim Horror- und Mysteryfilm. Das beinhaltet eine explizite Darstellung von Gewalt. Aber schließlich geht es in „Antichrist“ um nichts weniger als um den gewaltigen Zusammenstoß von Gefühl und Vernunft, Mensch und Natur, Mystik und Aufklärung, Mann und Frau. Gewalt und sexuell explizite Bilder sind aber nur die eine Seite dieser Tour de Force. Die andere Seite ist eine beeindruckend schöne Kinematografie, die souverän mit Genremitteln spielt und diese wiederum kunstvoll bricht. Es gibt Szenen der in extremer Zeitlupe gleichsam durch den Wald schwebenden Charlotte Gainsbourg, die an die gedehnten Videoinstallationen von Bill Viola erinnern. Es gibt märchenhafte Szenerien, die in ihrer Ambivalenz aus kindlicher Unschuld und drohendem Unheil an die Fotografien von Anna Gaskell erinnern. Es gibt seltsame, symbolbeladene Tiergestalten – auch sprechende. Und eben die sehr künstlichen Sex- und die sehr realistischen Gewaltszenen. Das alles fügt sich bei aller Heterogenität des Stils zu einem wunderschönen Film, der diskussionswürdig Sinnzusammenhänge herstellt.
„Antichrist“ ist ein aus einer tiefen Depression des Regisseurs geborenes Spiel mit Urängsten. Einiges davon mag man nachvollziehen, Anderes fordert zum Widerspruch auf. Und vieles davon entsteht erst durch den Betrachter. „Antichrist“ ist ein offenes Kunstwerk, das Bilder vor einem ausbreitet, ohne sie abzuschließen. Man kann sich wohl nicht einmal darauf festlegen, ob Er oder Sie der Antichrist ist bzw. ob der Antichrist hier überhaupt als etwas Negatives gelesen werden kann. Es ist wie bei so vielen großartigen Filmen: Nach dem Film hat man mehr offene Fragen als vorher. Ende Oktober findet in Köln wieder die KunstFilmBiennale satt. Im letzten Jahr bemühte man sich darum, nicht nur Kunstfilme, sondern auch Filmkunst zu zeigen. Also nicht nur Museumskunst, sondern auch Kinokunst. „Antichrist“ positioniert sich wie nur wenige Spielfilme exakt dort: zwischen Kino und Kunst.
(Bundesstart: 10.9.2009)

Zuerst erschienen in choices 09.09

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