„Der Jude von New York“ von Ben Katchor

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In seinem vor zehn Jahren entstandenen Band „Der Jude in New York“ beobachtet der Comiczeichner Ben Katchor nicht einen, sondern ganz viele Juden in New York … In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts versuchen hier viele ihr Glück. „Hier gibt es sicher 1000 Juden“, staunt ein gerade aus Palästina Angereister, der Erde aus dem Heiligen Land feilbietet. Es herrscht geradezu eine Goldgräberstimmung. Die Möglichkeiten, hier zu Geld zu kommen, scheinen in diesem Land tatsächlich unbegrenzt und grenzenlos. Zumindest suggeriert dies das Figurenarsenal von Katchor, der hier auftreten lässt: Einen Mann, der den Erie-See mit Kohlensäure versetzten und das Sprudelwasser mittels Pipelines nach New York bringen will, wo das verdauungsfördernde Wasser gerade en Vogue ist. Einen, der zusammen mit einem Biber-Jäger im Wald gehaust hat und nun tausende Biberfälle an den Mann bringen will. Einen, der seine Chance im Vertrieb von Damenstrümpfen sieht, die gerade aufkommen und ihm mit ihrer unsichtbaren Bedeckung der Haut moralisch integer erscheinen. Eine Kommune von ‚Sauerstofflern‘ hingegen verwehrt sich gegen die kapitalistische Annexion des Sauerstoffs.
Katchor fängt die Aufbruchstimmung, den Erfindungsreichtum, aber auch den Wahnwitz dieser noch relativ frei bespielbaren Gesellschaftsordnung und ihrer luftigen Gedankengebäude ein. Dabei lässt er ein Panorama von kapitalistischer Fantasterei und religösem Eifer entstehen, das das gesellschaftliche Vakuum in der Neuen Welt illustriert. Ob der Humor spezifisch jüdisch ist – das mag jeder selber definieren. Es ist auf jeden Fall ein so haarsträubender wie leichtfüssiger Witz, mit dem Ben Katchor seine unglaublichen Geschichten erzählt. Und doch: Einige davon sind gar nicht mal seiner Fantasie entsprungen, sondern skurrile Fußnoten der amerikanischen Geschichte.
Kein schlechter Zeitpunkt, dieses Werk nun hier zu veröffentlichen. In einer Zeit, in der man einerseits sieht, dass der Kapitalismus auf eine sehr fantasielose Art nur noch Habgierig geworden ist und jegliche utopische Träumerei aufgegeben hat, auf der anderen Seite man aber hofft, das er sich auch lieber nichts mehr einfallen lässt. Denn so schön wie die Fantastereien von Katchors Protagonisten spinnt heute niemand mehr rum.
(avant-verlag)