„Mein halbes Leben“ von Marko Doringer (Interview)

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Er ist 30 und hat noch nichts erreicht. Dabei zeichnet sich am Körper schon der Verfall ab: der erste Backenzahn fällt ihm aus, aber Marko ist immer noch ohne Ziel im Leben … Marko sitzt in seiner Studentenbude und sinniert über sein Leben: Zwei abgebrochene Studiengänge, keine Vorstellung von Lebensplanung. Eine Freundin hat er auch nicht. Seine Eltern meidet er wegen der obligatorischen Diskussionen über seine Zukunft. Regisseur Marko Doringer öffnet sich in seiner Ziellosigkeit dem Publikum. Zugleich porträtiert er mit alten Bekannten und seinen bzw. deren Eltern zwei Generationen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen von Lebensgestaltung. Das ist mal humorvoll, mal schmerzlich und peinliche Momente scheut Doringer ebenso wenig wie Selbstreflexion. Die Zuschauer werden sich mehr als einmal in diesem Film wiederfinden können – ob jung oder alt.

INTERVIEW MIT MARKO DORINGER:

Herr Doringer, der Film beginnt als mit digitaler Wackelkamera gedrehtes Homemovie – erst später scheint aufwändigeres Equipment hinzu zu kommen. Planten Sie dennoch bereits zu Beginn, dass am Ende ein Kinofilm daraus werden würde?
Marko Doringer: Ich war als Regisseur von Anfang an von der Stärke des Themas überzeugt. Aber ich muss gestehen: Mit dieser Meinung war ich fast alleine. Stellen sie sich vor, da kommt ein junger Typ zu ihnen und sagt, er sei jetzt knapp über 30, habe noch nichts erreicht im Leben, er sehe sich selbst als Loser – und genau darüber will er einen Kinofilm machen … Aber es hat ja dann doch funktioniert! Dass der Film derart positiv vom Publikum aufgenommen wird hat mich dann aber schon überrascht.

Es gibt Bilder von Ihnen mit einer komplizierten Filmapparatur am Körper. Worum handelt es sich dabei und wie wirkt sich die Gerätschaft auf ihr Filmen aus?
Es handelt sich bei „Mein Halbes Leben“ um einen autobiografischen Film, ich führe selbst die Kamera. Einen Teil des Films habe ich mit einer speziellen Helmkamera gedreht. Damit sieht das Kinopublikum ‚die Welt, so wie ich sie sehe‘ – absolute subjektiv. Nachdem die Idee zu dem Film aus einer ganz persönlichen Erfahrung entstanden ist – dass ich 30 wurde und damit große Probleme hatte – habe ich versucht, ein filmisches Stilmittel zu entwickeln, das meinem Bezug zum Thema des Films entspricht.

Sie schildern ihr Gefühl von Unsicherheit und Stagnation sehr offen. Gab es Scham, sich derart persönlich zu präsentieren?
Ich liebe meinen Beruf. Aber ich sehe den Beruf als Dokumentarfilm-Regisseur durchaus auch kritisch: Ich bin für meinen Film auf die Lebensgeschichten anderer Menschen angewiesen und veröffentliche einen Teil ihres Privatlebens. Das ist bei einem guten Dokumentarfilm für alle Beteiligten nicht einfach. Aber am Schwierigsten ist es sicherlich für die Personen vor der Kamera, die dann auf der Leinwand zu sehen sind. Ich wollte mich als Regisseur einmal bewusst selber dieser Situation stellen, einen Teil meines eigenen Lebens und meiner Schwächen veröffentlichen.

Funktionierte der Film war für Sie als ein therapeutisches Mittel, aus einer depressiven Krise herauszufinden?
Ich sehe große Parallelen zwischen einem Therapeuten und dem Dokumentarfilm-Regisseur: beide begleiten ihr Gegenüber über einen längeren Lebensabschnitt und versuchen dabei, immer wieder auf bestimmte Problempunkte einzugehen. Aber weder ein Film noch ein Therapeut kann die Probleme eines Menschen lösen – man ist nur ein Begleiter. In meinem speziellen Fall ist mein Leben so eng mit dem Film verstrickt, dass ich nicht beurteilen kann, ob mein Leben ohne Film anders verlaufen wäre.

Wie schwierig war es, ihr privates Umfeld, die Eltern und die Freunde, für die Teilnahme am Film zu interessieren und wie waren die Reaktionen der Beteiligten auf den fertigen Film?
Mir war von Anfang an klar, dass ich mit diesen drei Freunden zusammen arbeiten will und es war nicht schwer, sie für diesen Film zu gewinnen, weil sie sich von der Thematik direkt angesprochen fühlten. Bei meinen Eltern, besonders bei meinem Vater, war es wegen dem real existierenden Vater-Sohn-Konflikt, der im Film angesprochen wird, schwieriger. Ich denke, dass er trotz aller Bedenken aus Liebe zu seinem Sohn bereit war, bei diesem Film mit zu machen. Natürlich kann kein Film Probleme lösen. Aber ein Film kann Bewegung in Beziehungen bringen, neue Perspektiven aufzeigen. Und dass ist bei der Beziehung zwischen meinem Vater und mir sicherlich passiert. Dennoch ist es bei so einem intimen Dokumentarfilm für die Beteiligten nicht einfach, sich selbst auf der Leinwand zu sehen. Aber es geht ja im Film auch nicht darum, ein Loblied auf meine Freunde zu singen. Mich interessieren natürlich die Bereiche, wo das Leben nicht so läuft wie man es gerne hätte. Und ich denke, wenn die Personen aus dem Film nach dem Kino mir auf die Schulter klopfen und sagen: „Super, ich gefall mir in dem Film so!“, dann habe ich als Regisseur was falsch gemacht.

Was kann man als nächstes von Ihnen erwarten?
In meinem nächsten Dokumentarfilm will ich mich mit Partnerbeziehung auseinander setzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Film auch wieder autobiografisch wird. Da gibt es in mir noch viele Ecken, die man beleuchten könnte.

(Bundesstart: 8.10.2009)