„Durst“ von Park Chan-Wook

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Ein Priester mutiert nach einer Bluttransfusion zum Vampir. Aus moralischen Gründen stillt er seinen Durst nur mit Blutkonserven. Bis er sich verliebt … Von Park Chan-Wook sind keine sanften Töne zu erwarten. Seine Rachetrilogie mit den Filmen „Oldboy“, „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Lady Vengeance“ wartete mit eindringlichen Bildern der Gewalt auf, die man so schnell nicht wieder vergisst, Sogar sein letztes Werk, die surreale Psychosen-Komödie „I’m a Cyborg, but that’s ok“ lieferte einige solide Gewaltexzesse. Und doch sind die Filme von Chan-Wook immer auch Reflexionen über die Gefühlswelt ihrer Protagonisten. In seinem neusten Film legt er nun alle seine Fähigkeiten zusammen: Verstörend schöne Bilder von Gewalt, zarte Augenblicke voller Gefühl und ein abgründiger Humor kennzeichnen „Durst“.
Sang-hyan arbeitet als Priester in einem Krankenhaus. Dass er seinen Patienten meist doch nur beim Sterben zusehen kann, hält er bald nicht mehr aus. Er sucht eine neue Aufgabe: In Afrika meldet er sich als Freiwilliger für ein Experiment. Dort soll ein Impfstoff gegen eine Epidemie entwickelt werden. Wie alle anderen Patienten stirbt er, auch eine Bluttransfusion kann ihn nicht mehr retten. Doch wie durch ein Wunder erwacht er wieder im OP-Saal. Dem fast schüchternen Priester ist das unangenehm, doch von nun an gilt er als ein Heiler. Der Nebeneffekt der Wiederauferstehung: Sang-hyan verspürt Blutdurst – er ist ein Vampir. Bei einer seiner Besuche als Heiler am Krankenbett eines Krebspatienten lernt er die junge Tae-ju kennen. Sie fristet bei ihrer Ziehmutter und deren Sohn als dessen Ehefrau ein klägliches Dasein. Als sich beide ineinander verlieben, beichtet er ihr, das er ein Vampir ist. Der Schock weicht Faszination. Sie möchte sogar gebissen werden, um selbst ein Vampir zu werden. Nur ist Tae-ju mit Sang-hyans humanistischer Auslegung der Vampirexistenz nicht einverstanden.
Park Chan-Wook stellt mit seinen Filmen immer grundsätzliche Fragen nach der Moral. Bislang war die zwiespältige Frage nach der Legitimität von Rache sein Interessengebiet. Ein Priester als Vampir ist dagegen eine ungleich delikatere Variante. Das Dilemma des ‚Du sollst nicht töten‘ löst Sang-hyan nach einigen Umwegen schließlich radikal auf. „Durst“ darf man sich allerdings nicht als schweres existentialistische Drama vorstellen – es ist Pop. Wie es sich für einen ordentlichen Vampirfilm gehört wird in „Durst“ gebissen und geflogen. Und da es bei Vampiren von Blutdurst zur Begierde nur ein kleiner Schritt ist, gibt es auch viel Erotik und Sex zwischen Zärtlichkeit und Gewalt. Und natürlich darf der obligatorische Subtext der Sucht bei einem Vampirfilm – nicht erst seit Abel Ferraras „The Addiction“ – nicht fehlen. Die Kamera fängt das ausladend und schlingernd erzählte Spektakel virtuos ein. Nicht wenige der durchkomponierten Bilder könnten als Filmstills problemlos in einer Kunstgalerie hängen. Aber die visuelle Schönheit und die fantasievolle Gestaltung körperlicher Versehrtheit sind nicht die alleinigen Qualitäten des Films. Park Chan-Wook erzählt eine berührende Geschichte über das Leben und packt hinein, was hineingehört: Glück und Leid, Spaß und Ernst, das Schöne und das Hässliche. Das ist alles.
(Bundesstart: 15.10.2009)

Zuerst erschienen in choices 10.09

2 Antworten auf „„Durst“ von Park Chan-Wook“

  1. danke, herr kollege. jetzt ist mir ironie der zeitnahen veröffentlichung dieser beiden titel erstmals richtig ins auge gefallen… vielleicht wirds ja ne trilogie, wie bei kieslowski..?!?

  2. Ich hab mir bislang jeden Scherz dazu verkniffen, aber das ist in der Tat ziemlich lustig. Nur fällt mir für eine Trilogie kein drittes Thema ein. Liebesentzug? Krankheit?

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