„drüben!“ von Simon Schwartz

drüben

Ob sich Simon Schwartz‘ Beitrag zum Jubiläum des Mauerfalls in den Trend der autobiografischen Graphic Novels einreiht, lässt sich nicht so genau sagen. Ist eine Geschichte autobiografisch, wenn deren Schlussszene mit der ersten bewussten Erinnerung des Autors zusammenfällt? … Denn Schwartz erzählt weniger von sich als von seinen Eltern und Großeltern und deren Leben in der DDR. Er erzählt, wie sein Vater und seine Mutter gemeinsam an einem Punkt ankommen, an dem sie beschließen, ihre Heimat für immer zu verlassen. Er selber war zum Zeitpunkt der Ausreise erst zwei Jahre alt. Der Vater kommt aus einem Regime treuen Elternhaus, seine Mutter hingegen hatte religiös bewegte Eltern, die dem Regime gegenüber skeptisch sind. Dadurch, dass Schwartz‘ Eltern so unterschiedlich sozialisiert waren, kann er sehr gut vermitteln, wie man einerseits Regiemekonform in der DDR leben konnte, andererseits aber auch die Repressionen der ‚Abweichler‘ schildern.

Der Zeichenstil ist sehr klar, flächig und plastisch, der Kontrast durch Graustufen gedämpft. Insgesamt verströmen die Zeichnungen einen naiven Charme, der dem kindlichen Erzählstil der eigenen Erinnerungen wie auch der von den Eltern aus zweiter Hand erfahrenen Ereignisse angemessen ist. Obwohl assoziationen zu einigen US-Zeichnern aufkommen können, ist der Zeichenstil durchaus eigenständig. Einige visuelle Ideen sind sehr raffiniert in die Story integriert. So sieht man auf einer Doppelseite, wie die unterschiedlich alten Väter von Simon Schwartz miteinander diskutieren und ihre Entwicklung vom FDJ-begeisterten Knirps zum ‚Republikflüchtling‘ diskutieren. Die Schlussszene mit der Ausreise ist richtig spannend geraten, obwohl es ja keine Nacht-und-Nebel-Flucht war, sondern eine genehmigte Ausreise. Mit der Ankunft der Familie bei Freunden in West-Berlin – zuvor ausgereiste ehemalige Freunde aus der DDR – endet der Band. Eine Fortsetzung ist durchaus denkbar. Wie es dort drüben war, wissen wir jetzt. Aber wie ging es hier drüben weiter?

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 97